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Kulturnotizen aus Sarajevo

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Der Fuchs in Bookstan

Pričo, prostri se!* – Ich wünschte, ich könnte diesen Zauberspruch aus Dubravka Ugrešić’s neuem Roman Fuchs für das Erzählen dieser Geschichte über Bookstan verwenden. Bookstan ist das zum dritten Mal stattfindende Literaturfestival in Sarajevo, das vom Verlag Buybook organisiert wird. Wieso fällt es mir bloss so schwer, diese Geschichte zu schreiben, wieso habe ich alle meine Deadlines nicht eingehalten, bis ich diesen Beitrag geschickt habe? Ich weiss noch nicht einmal, wieso ich überhaupt ans Festival gegangen bin.

Eigentlich ging ich nur, um Dubravka Ugrešić und Aleksandar Hemon zu sehen. Nenad Veličković sah ich auf der Facebook-Seite von Bookstan zu. Aber ich hätte mich auch mit Lejla Kalamujić und Dragan Bursać verbünden können, die ihre Zusammenarbeit mit Buybook aufkündeten, nach deren unbefriedigender Reaktion auf die erste #metoo-Kampagne in Bosnien. Vor ein paar Monaten veröffentlichte die Wissenschafts-Bloggerin Jelena Kalinić ihren Briefwechsel mit einem der Gründer von Buybook und machte so dessen beabsichtigten und unbeabsichtigten Sexismus öffentlich. Wenn Sie es wissen wollen, Frauen sind hübscher und vollständiger, wenn sie Kinder haben. Als wäre das noch nicht genug, bot er ihr auch gleich sein genetisches Material in einem fildžan, einem kleinen Mokkatässchen, an. Auf diese Veröffentlichung hin, als hätte diese Korrespondenz nicht alle Grenzen des freundlichen Plauderns und sich Neckens überschritten, entschuldigte er sich gegenüber allen, die er möglicherweise verletzt haben könnte, gegenüber seinen KollegInnen, die für Menschenrechte, für LGBT-Rechte kämpfen – Jelena erwähnte er nicht mit einem einzigen Satz.

Als sich der Staub gelegt hatte, und nach allen darauf folgenden Debatten ist das Resultat ein … grosses Nichts. Er war bei allen Veranstaltungen von Bookstan abwesend. Wie fast alle meine FreundInnen. Niemand hat gewonnen.

Ich erwähne seinen Namen nicht, denn er ist nur einer von vielen in unserer Gesellschaft, der die Frauen von oben herab behandelt und sie nur in ihrer Beziehung zu Männern und in ihrer heiligen Rolle der Mutterschaft sieht. In unseren öffentlichen Diskursen kann man oft den Satz ostvarila se kao majka hören. Das bedeutet wörtlich "sich verwirklichen wie eine Mutter" und wird im Sinne von "etwas verwirklichen", "einen Traum wahrmachen" verwendet. Darin steckt aber der Gedanke, dass eine Frau nur vollständig ist, wenn sie eine Mutter ist. Selber schwanger würde ich diese Übersetzung mit "wenn sie eine biologische Mutter ist" ergänzen. Mehr als einmal habe ich gehört, dass es grossartig ist, sein eigenes Kind zu haben. Da ich selber von meinem Onkel und meiner Tante aufgezogen worden bin, breche ich fast zusammen, wenn ich das höre.

Um noch ein aktuelleres Beispiel zu erwähnen – der Senat der Universität von Sarajevo hat einen Dresscode (und einen Verhaltenskodex) vorgeschlagen, der neben anderen lächerlichen Vorschriften Piercings und Tattoos verbietet. Er schreibt insbesondere vor, wie lange Kleider und Röcke sein müssen und wie tief ein Ausschnitt sein darf. Anlässlich einer der Debatten an der Universität, sagte einer der Studenten aus dem Publikum, dass die Lust von Männern fünfmal so stark sei, wie diejenige der Frauen, und dass die Art der Frauen sich zu kleiden, diese Lust provoziere. Genau diese Art des Denkens ist es, die einen solchen Dresscode provoziert!

Also besser, das Patriarchat bricht zusammen! (Und besser einen Jungen grossziehen, der ein Alliierter des feministischen Kampfes sein wird!)

Dubravka Ugrešić ist ans Festival gekommen, um die bosnische Ausgabe ihres Buches Fuchs vorzustellen. Dieses ist bereits in den Niederlanden, wo sie seit den 90er-Jahren lebt, herausgekommen, ebenso in den USA, in Kroatien, Serbien und jetzt also auch in Bosnien-Herzegowina.

Im ersten Teil des Buches, "Eine Geschichte darüber, wie Geschichten geschrieben werden", wird das Symbol des Fuchses erwähnt, das Totemtier der SchriftstellerInnen. Ein Fuchs bedeutet nicht nur Verrat und Schwindel, er bedeutet auch Verführung, Ambivalenz, die Macht zur Verwandlung, und Einsamkeit. Eine Autorin im Exil, was Dubravka ist, ist eine Verräterin, ein Fuchs, und es gibt kein Kunstwerk ohne Verrat.

An der Veranstaltung sagte sie, dass man Sexismus und Frauenfeindlichkeit nicht vermeiden kann. Man kann nur so tun, als sähe man sie nicht. Denn wenn man auf alle frauenfeindlichen Bemerkungen, die man im Laufe seines Lebens erhalte, reagieren würde, würde man in einer psychiatrischen Anstalt enden. Als ein Beispiel stellte sie die rhetorische Frage: Kennen Sie etwa ein Land auf dieser Welt, wo Witze wie dieser erzählt werden: Haben Sie Das Fräulein gelesen? – Meinen Sie etwa nur gelesen

Ein anderes zentrales Thema von Dubravka Ugrešić ist die Frage nach der Heimat. Wo ist die Heimat? Sie ist nicht nur eine Verräterin, weil sie eine Schriftstellerin ist, sondern weil sie als solche von den kroatischen NationalistInnen betrachtet wird. Ihnen missfallen ihre anti-nationalistischen und Anti-Kriegs-Texte, die sie in den frühen 90er Jahren geschrieben hatte. So sagte sie an der Veranstaltung: "Ich habe die Region nicht verlassen. Die Region hat mich verlassen." Das war ihre Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, ob sich mit der Auszeichnung, die sie kürzlich in Kroatien erhalten hat, etwas verändern werde.

Ihre Bücher geben hier eine bessere Antwort … Sie wird nie Teil des "kroatischen Kanons" sein, einfach weil sie nicht nur eine kroatische Autorin sein kann.

Als sie darüber zu sprechen begann, was es bedeutet, heutzutage eine Schriftstellerin zu sein, wurde es interessant. In ihren Essays und in ihrem neuen Roman, beklagt sie sich darüber, dass sie keine Autorin mehr ist, sondern ein content provider, eine Inhaltsanbieterin. AutorInnen sind heute der unwichtigste Teil der Literatur-Industrie. Etwas Ähnliches sagt einer der Charaktere aus dem Fuchs. Literaturfestivals seien wie mittelalterliche Jahrmärkte. SchriftstellerInnen behelligen das Publikum nicht länger mit Lesungen aus ihrer Arbeit – sie performen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich das Wort "Event" benütze, wenn ich über dieses Festival spreche.

Zu Beginn kündigte die Moderatorin Kristina Ljevak an, dass die "Events" an diesem Abend aufgrund des Fussballmatches verschoben würden. Dubravka Ugrešić kommentierte diese Ankündigung mit einer Anekdote darüber, wie ein kroatischer Fussballspieler sagte, "Wir, die kroatischen Fussballspieler, haben das beste Märchen der kroatischen Literatur geschrieben." Für sie gäbe es keinen Platz in der Literatur, die von den Füssen geschrieben wird, meinte Dubravka.

Ich schaue keinen Fussball. Ich kann mich nicht für das kroatische Fussballteam freuen, denn ich kann all den Nationalismus rundherum nicht ausblenden. Faschistische Parolen in den Stadien, faschistische Kommentare von den Spielern … Deshalb störte es mich, dass die Schlusszeremonie von Bookstan ausgefallen ist, weil Kroatien gerade die Verlängerung gegen wen auch immer spielen musste. Auch hier … niemand hat gewonnen.

Sicher, ich verstehe, dass Fussball komplexer ist, und dass es für viele Leute mehr bedeutet. So auch für Aleksandar Hemon, dessen "Event" aufgrund des Spieles verschoben worden ist. Er erklärte, dass er in Chicago in dem Moment eine Heimat gefunden habe, als er Leute zum Fussballspielen gefunden habe. Er hatte auch noch ein weiteres gutes Argument. Dänemark ist eines der repressivsten Anti-Einwanderungsländer in Europa. Aber die Hälfte seiner Nationalmannschaft sind Immigranten. Dänemark muss nun die Spieler unterstützen, deren Familien gezwungen werden, sich die dänische Kultur und Traditionen anzueignen.

Doch nach wie vor fühlte ich mich von Bookstan verraten, selbst wenn ich nicht wusste, was ich dort überhaupt sollte.

Ein Fuchs in Bookstan. Ich habe meine Grundsätze verraten, um diesen Blog zu schreiben. Oder besser, um das Privileg zu geniessen, Dubravka Ugrešić in Sarajevo sprechen zu hören. Ich habe alle ihre Bücher gelesen. Und Sie?

* Tischlein deck Dich! In diesem Zusammenhang paraphrasiert zu Geschichte deck Dich!

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Mit dem Fahrrad in und um Sarajevo herum

In Amer Tikvešas Kurzgeschichten-Sammlung über Taxifahrer in Sarajevo gibt es eine Geschichte mit dem Titel "Fahrrad". Der Erzähler kauft seiner achtjährigen Tochter ein Fahrrad, muss dieses aber erst noch nach Hause transportieren. Das Fahrrad ist zu schwer, als dass er es tragen könnte, und um es zu stossen, ist er zu gross. Ein Taxi scheint ihm eine gute Idee. Nachdem er dann endlich einen Taxifahrer gefunden hat, der sich nicht um die paar Flecken auf dem Rücksitz sorgte, beginnt die Fahrt und die Geschichte. (Es sind die Taxifahrer, die in dem Buch die wirklichen Erzähler sind. Der Erzähler ist nur der richtige Zuhörer. Das ist einer der Gründe, weshalb ich nicht über Taxifahrer schreibe in meinem Blog. Ich sitze immer auf dem Rücksitz und kümmere mich um meine eigenen Gedanken.) Am Ende der Geschichte erzählt der Taxifahrer, dass er drei Autos zu Schrott gefahren habe, sich aber nie so schlecht gefühlt habe wie damals, als er sein erstes Fahrrad zu Schrott gefahren hatte. Kein Autofahrer könne nachvollziehen, welche Freude Fahrräder Kindern bereiten können.

Mir verschafft das Fahrrad ein Gefühl von Freiheit. Die erste Fahrt nach einem langen Winter gleicht dem ersten jährlichen Schwimmen im Meer. Erst kürzlich kam es in Sarajevo wegen schwerer Regenfälle zu einem völligen Verkehrskollaps. Autos, stillstehende Trams, hupende verärgerte AutofahrerInnen, die Polizei, die versuchte, den Weg für die Feuerwehr freizumachen – und ein Typ auf einem Fahrrad, der vergnügt zwischen den Autos herumkurvte und mit seiner Fahrradglocke klingelte. Freiheit.

Bei dem schnellen Wachstum der Stadt und der nur sehr langsamen Erneuerung der Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs wird das Fahrradfahren in der Stadt – das City Biking – immer beliebter. Selbstverständlich bemüht man sich, den AutofahrerInnen dabei nicht zu nah zu kommen. Nur wenn man dazu gezwungen wird (zum Beispiel, wenn man den Gehsteig verlassen muss, weil jemand sein Auto darauf geparkt hat …). Die Gehsteige sind breit genug für FussgängerInnen und Fahrräder. Die neuen Fahrradwege sind übrigens einfach ein rot angemaltes Drittel des Gehsteigs. Aber das gilt nur für Marin Dvor bis Ilidža, nicht für das Stadtzentrum. Alle meine FreundInnen sagen, dass es riskant sei, durch das Stadtzentrum zu radeln. Die Gehsteige sind schmal und viele Leute sind unterwegs, AutofahrerInnen sind ungeduldig und man muss wirklich sehr schnell fahren, damit sie einen nicht anhupen und verrückte Überholmanöver unternehmen. Mein Cousin Nedim übertreibt aber, wenn er sagt: "Mit dem Fahrrad im Stadtzentrum riskierst du den Tod!" Denn wenn man erst auf einem der Hügel wohnt, die das Stadtzentrum umgeben …

Seit ein paar Jahren gibt es die Möglichkeit für eine halbe Stunde gratis ein City Bike zu benutzen, für eine jährliche Gebühr von 10 Euro. Nicht schlecht, denn es dauert gerade etwa eine halbe Stunde, um in Sarajevo von A nach B zu gelangen. Ich warte immer noch darauf, dass es mehr City Bike-Parkplätze in Novi Grad gibt, bevor ich dieses Angebot nutze. Meine Freundin Lejla findet es grossartig und sehr praktisch, denn so muss sie nicht darüber nachdenken, wie sie wieder nach Hause kommt oder wo sie ihr Fahrrad stehen lassen soll … Sie braucht die City Bikes sogar, um nach Vrelo Bosne zu kommen. Das ist auf der anderen Seite der Stadt, gegenüber der Baščaršija – eine Stunde mit dem Fahrrad. Sie hat mir aber geraten, immer darauf zu achten, dass ich ein neues City Bike aussuche. Denn die City Bikes werden auch im Winter draussen stehen gelassen und einige von ihnen haben zu rosten begonnen und geben eigenartige Geräusche von sich.

Ein grosses Thema ist die Frage, wo man sein Fahrrad stehen lassen kann. Es gibt jetzt zwar Fahrradparkplätze vor Einkaufszentren und Cafés, aber oft bin ich gezwungen, mein Fahrrad an einem Pfosten oder sogar an einem Baum festzumachen. Für mich persönlich ist es dann aber in Ordnung, dass ich mein abgeschlossenes Fahrrad nicht mehr im Blick haben muss. Im Gegensatz zu vielen meiner FreundInnen, die ihr Fahrrad nie aus den Augen lassen würden. Dasselbe gilt, wenn man es zu Hause hat. Ein Balkon oder ein Wohnzimmer ist die beste Lösung. Aber wenn man keine andere Wahl hat, schliesst man es im Keller ein. Wenn das Gebäude kleiner ist und sich die Eingangstür abschliessen lässt, kann man das Fahrrad sogar am Treppengeländer festmachen, so wie das meine Freundin Rebekka macht. Aber auch da gibt es keine Garantie. Meinem Freund Robert haben sie das Fahrrad aus dem Keller des Gebäudes gestohlen, wo er einen unglaublichen Betrag für die Sicherheit zahlte. Gleichzeitig hat meine Freundin Marina ihr Fahrrad die Nacht über vor dem Supermarkt stehen lassen und es am nächsten Tag wiedergefunden! Wenn es aber dann doch gestohlen wird, hat man die besten Chancen, es auf einem der Flohmärkte wiederzufinden. Hat man Glück, kann man es der Person, die es gestohlen hat, wieder abkaufen.

Fast jeden Tag fahre ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit. Ich habe ein schönes Fahrrad, aber keine professionelle Ausrüstung. Eine einfache Regenjacke, für den Notfall, und ein kleines blinkendes Licht, um die FussgängerInnen nachts auf mich aufmerksam zu machen. Ich habe zwar eine Klingel, aber ich hasse es, die Leute damit zu erschrecken. Hoffentlich werden sie bald lernen, sich von der Fahrrad-Fahrspur fernzuhalten. Ich liebe es, das Erstaunen der Kinder zu sehen, wenn ich an ihnen vorbeiradle. Und es macht mich immer ein wenig traurig, wenn die Eltern sie anschreien: "Vorsicht, Fahrrad!" Als müsste man Angst haben vor den FahrradfahrerInnen … Und ich habe aufgehört, auf die Kommentare der Männer zu meinen nackten Beinen oder meinen Röcken zu achten. Jetzt bin ich auf die Kommentare zu schwangeren Frauen auf Fahrrädern gespannt! (Keine Sorge, ich habe mich umgehört. Wenn man vor einer Schwangerschaft gejoggt hat, gibt es keinen Grund, damit aufzuhören. Dasselbe gilt fürs Fahrradfahren. Herbst und Überhitzung sind das Schlimmste, was passieren kann. Man sollte das Fahrrad einfach nicht die Treppen hinauf und hinunter tragen.)

Also, enge Strassen, steile Strassen, Löcher in den Trottoirs, verrückte AutofahrerInnen, FussgängerInnen auf den Fahrradspuren … Wieso also sollte man sich das antun? "Es macht Spass", sagt Rebekka. "Einige Leute gehen ins Fitnesscenter, ich nehme mein Fahrrad bis Vrelo Bosne, sitze auf einer Bank, schaue den Schwänen zu und mache eine Pause", erklärt Nedim.

"Einer der grössten Vorteile, wenn man in Sarajevo wohnt, ist die Möglichkeit, bergauf zu fahren. Mountain Biking. Nach der Arbeit setze ich mich auf mein Fahrrad und fahre in die Höhe an die frische Luft. Und nachher habe ich beim Herunterfahren eine unglaubliche Sicht auf die Stadt." Das ist die Begründung von Azra.

Auch wenn man kein Mountain Bike hat, kann man nach Vrelo Bosne, oder von Vijećnica nach Kozija ćuprija fahren. Selbst bergauf, wenn man auf der Strasse bleibt.

Oder man beschafft sich ein Mountain Bike, um mehr Optionen zu haben. Mein Bruder Davor schlägt vor: "Die Forststrassen auf dem Trebević; in Richtung Kozija ćuprija, dem Dampfzug Ćiro folgend; auf den Berg Igman über Hrasnica; zum bekannten Picknickplatz Barice und den Aussichtspunkt von Zmajevac; zum Skakavac Wasserfall; vom Trebević nach Jahorina; oder man nimmt die Gondelbahn auf den Trebević und fährt bergab zurück nach Sarajevo. Reicht das?"

Mehr braucht es fürs Vergnügen nicht!

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Kriegstourismus in Berlin und Sarajevo

Man muss Touristen einfach hassen. In Gruppen von zehn oder fünfzehn Personen folgen sie einer Fahne oder einem Regenschirm und tun so, als würden sie dem Geschichtsunterricht des Reiseführers zuhören. Dabei machen sie einfach nur Fotos in der Nähe der Statuen, die nur für ihr Instagram-Profil errichtet zu sein scheinen. Europäische Städte werden mehr und mehr zu offenen Museen. Leute leben gar keine mehr in den Stadtzentren; sie sind nur noch dort, um die Touristen willkommen zu heissen und zu bedienen.

Vor ein paar Wochen war ich zum ersten Mal in Berlin. Ich hatte drei Tage mit einem dichten Konferenzprogramm vor mir, ohne Aussicht auf freie Zeit, um in der Stadtmitte, wo wir wohnten, herumzuspazieren und das Quartier zu erforschen. Und dann ein freies Wochenende bei meinen Freundinnen, die weit draussen in Weissensee wohnen. Ich war sicher, ich würde ihre Nachbarschaft kennenlernen (wo die Leute auch tatsächlich wohnen!) und alle ihre Lieblingsplätze dort. Deshalb entschied ich mich dafür, an der von den Organisatoren angebotenen Stadtführung in der Innenstadt teilzunehmen.

Das Thema unseres Rundgangs war "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Veränderungen in der Stadt". Wir sahen alte und moderne Statuen (und warteten, bis die Leute ihre Photos gemacht haben), alte und moderne Gebäude. Die Gebäude im sowjetischen Stil waren das Erste, das sich einigermassen vertraut anfühlte. Meine Freundin Oksana sagte: gleich wie in der Ukraine. Auch in Sarajevo kann man sozialistische Gebäude finden, integriert in die österreichisch-ungarischen. Und gleich daneben stehen die modernen Shoppingcenter aus Glas.

Aber erst als wir beim Checkpoint Charlie ankamen, fühlte ich mich wirklich wie Zuhause. Gasmasken und Helme lagen als Souvenire auf den Bürgersteigen. In der Baščaršija kann man die auch finden, aber aus dem Krieg von 1992-1995. Ebenso leere Patronenhülsen. Ja, auch wir haben Löcher in den Gebäuden, die uns an die Bombardierungen erinnern. Meine Freundin Sophie erzählte mir, wie erstaunt sie über die Reaktion ihrer Mutter auf diese Löcher war, als diese sie in Sarajevo besuchen kam. Sophie sieht die Löcher nicht mehr. Ein Zeichen dafür, dass sie schon lange genug hier war …

Checkpoint Charlie ist heute sicherlich eine Touristenattraktion, mit einem nachgebauten Wachhaus und Schauspielern, die die Wächter nachstellen. Aber die Touristen erhalten gründliche und unvoreingenommene Informationen zur Geschichte. Man kann sich die Fotos ansehen, die zeigen, wie die Situation während des Kalten Krieges war, und man kann das Museum besuchen und noch weiter in die Tiefe gehen. Wenn man in Sarajevo durch die Strassen geht, sieht man Erinnerungsinschriften an Orten, wo Zivilisten von Granaten oder von Heckenschützen getötet worden sind. Aber man kann auch, ohne dass man sich dessen bewusst ist, in Museen geraten, wo man nur sehr einseitige Berichte über den Krieg erhält. Da ist zum Beispiel die Inschrift an der Vijećnica (dem Rathaus und der früheren Bibliothek). Sie wurde während des Krieges dort angebracht und seither nie ausgewechselt: "On this place Serbian criminals in the night of 25th-26th August, 1992 set on fire National and University's Library of Bosnia and Herzegovina. Over 2 millions of books, periodicals and documents vanished in the flame. Do not forget, remember and warn!" Einmal abgesehen von der Orthografie und der Grammatik, führt der Ausdruck "serbische Kriminelle" in die Irre. Anstatt die Täter klar zu bezeichnen, wird die Verantwortung auf eine ganze Nation geschoben. An anderen Orten lernt man, dass der Krieg ein "Verteidigungskrieg" war, in dessen Verlauf die Armija BiH gegen die "serbischen Agressoren" gekämpft hat. Nirgends werden Kriegsverbrechen erwähnt, die die Armija an der serbischen Zivilbevölkerung begangen hat.

Sobald wir in Berlin vom Holocaust und in Sarajevo von den ermordeten ZivilistInnen (darunter auch Kinder!) zu sprechen beginnen, wird es ernst. Und das ist auch der Grund, weshalb Kriegstourismus keinen Sinn macht. Ja, der Fall der Mauer ist eine grossartige Geschichte, die Hoffnung macht; ja, es ist schön, dass ein Teil der Mauer als Erinnerungsstätte stehen gelassen worden ist und dass es jetzt einen Pfad gibt, wo früher die Mauer gestanden hat. Aber was macht man, wenn man zum Denkmal der in Europa ermordeten Juden und Jüdinnen kommt? Wie integriert man das in seinen sonnigen, touristischen Tag? Nun, meine Gruppe hat entschieden, dass es besser wäre, das Brandenburger Tor zu besuchen. Wie könnte man Berlin besuchen, ohne seine grösste Sehenswürdigkeit gesehen zu haben? Das war ihr Argument. Also haben wir uns das Brandenburger Tor angesehen. Auf dem Weg dorthin hat uns die Reiseleiterin ein Foto von Leuten gezeigt, die in einer Reihe anstanden, um auf eine hölzerne Plattform zu gelangen – von welcher aus man über die Mauer auf die andere Seite schauen konnte. Das beste Porträt von Touristen, das ich je gesehen habe.

Wenn man aber beschliesst, keine oberflächliche Touristin zu sein, sondern wirklich in die Geschichte von Berlin einzutauchen und mit dem Leiden seiner Bevölkerung mitzufühlen, dann empfehle ich, das Holocaust Denkmal nachts besuchen zu gehen. Die Angst, die man empfindet, wenn diese Betonpfeiler über einen einzubrechen drohen, die Beklemmung, dass hinter der nächsten Ecke jemand lauert, und die Erleichterung, wenn man es geschafft hat, das Denkmal auf der anderen Seite wieder zu verlassen – diese Gefühle erzählen Ihnen die Geschichte des Kriegs. In Sarajevo sollten Sie das War Childhood Museum besuchen und dort die Geschichten derjenigen lesen – meine Altersgenossen –, die während des Krieges Kinder waren. Man erfährt ihre Namen, ihr Geburtsjahr, wo sie herkommen und ihre Geschichte. Einige Geschichten sind Erzählungen von Verlust, andere von Kinderspielen und Freundschaft. Alle sind sie gegen den Krieg. Meine Geschichte finden Sie dort nicht. Ich habe noch immer nicht den richtigen Gegenstand gefunden, mit dem ich sie erzählen könnte. Vielleicht später einmal.

Wie die Reiseleiterin und auch meine Freundinnen, die nun schon seit drei Jahren dort leben, erzählen, ist Berlin immer noch eine geteilte Stadt. Das sieht man an der Architektur, an den unterschiedlichen Verkehrsampeln … Am Wochenende, als ich bei meinen Freundinnen war, haben aber Leute aus beiden Teilen der Stadt gegen die Gentrification demonstriert. Diese zwingt die Leute, immer weiter vom Stadtzentrum weg zu wohnen, sogar in andere Städte wie Leipzig zu ziehen.

Auch Sarajevo bleibt geteilt. Es gibt zwar keine Mauer, nur ein Schild, das darüber informiert, dass man jetzt den Kanton Sarajevo verlässt und Istočno Sarajevo, Republika Srpska betritt. Leute von Sarajevo gehen vielleicht manchmal nach Istočno Sarajevo einkaufen. Umgekehrt aber nicht. Und es gibt keine Reiseleiter, die Ihnen beide Teile von Sarajevo zeigen werden. 

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Kaffee, Rakija und Freunde

Wie kann das sein, dass Leute mitten am Tag im Stadtzentrum Kaffee trinken – das fragen sich alle, die zum ersten Mal nach Sarajevo kommen. Kaffee ist billig und normalerweise kann man stundenlang mit einem Kaffee am gleichen Ort bleiben. Kaffee hat man zu trinken begonnen, als man angefangen hat auszugehen – im Gymnasium. Wenn man Studentin oder Student ist, ist jede Pause eine Kaffeepause. Wenn man arbeitslos ist – nun, was sollte man sonst tun ...

Der Kult, der das Kaffeetrinken in Bosnien begleitet, ist mit dem privaten Bereich verbunden. Die Hausfrau (domaćica) bereitet ihn zu und serviert ihn. Kaffee zum ersten Mal zu servieren, ist so etwas wie eine Initiation für junge Frauen. Wir haben sogar unterschiedliche Namen für Kaffee in unterschiedlichen Situationen. Dočekuša ist der Kaffee, mit dem man Gäste willkommen heisst (er wird gewöhnlich serviert, ohne dass er angeboten worden ist), razgovoruša ist der zweite Kaffee, der die Konversation in Gang bringen soll; und sikteruša ist der Kaffee, den man zu später Stunde serviert, um den Gästen zu signalisieren, dass sie schon zu lange geblieben sind.

Rakija hingegen gehört zum öffentlichen Bereich. Der richtige Rakija wird aus vergorenen Pflaumen zubereitet oder aus Weinblättern, daneben gibt es andere mit speziellen Namen: Viljamovka (Birnen-Rakija), orahovača (Walnuss), višnjevača (Kirsche), medovača (Honig) ... Wenn ich Ihnen sage, dass ich an unseren Familienzusammenkünften, sei es am Picknick zum 1. Mai oder an der Neujahrsparty, meine Tanten kaum Alkohol trinken sehe, werden Sie verstehen, wieso Sie oder Ihre Freundin die einzigen Frauen in der lokalen Kneipe (birtija) sind, die Ihnen auf Facebook für das "authentische Gefühl" empfohlen worden ist. Sie sollten wissen, dass ein Teil der Authentizität in der hohen Wahrscheinlichkeit besteht, angestarrt oder mit einer Zeile eines Volksliedes angesprochen zu werden: Šta će dama sama u kafani? (Was macht eine Dame allein in einer Bar?) Schlimmer als eine Frau, die Alkohol trinkt, ist nur eine Frau, die ihn alleine trinkt.

Aber das gilt nicht nur für diese kleinen Kneipen mit den karierten Tischtüchern, mit der Volksmusik, dem hausgemachten Rakija und den Literflaschen Sarajevsko-Bier. Jedes Mal wenn ich mit meiner Freundin Klaudija in die Bar unseres Quartiers gehe, auf einen Kaffee am Sonntagmorgen oder abends auf ein Bier, sind wir die einzigen Frauen. Wir achten auch nicht auf die Fussballspiele oder den Teletext mit den Sportresultaten.

Je näher man beim Stadtzentrum wohnt, desto mehr Optionen hat man. Neulich ging ich mit Sanja und Nenad ins Libertad. Es befindet sich halbwegs zwischen Otoka, wo wir wohnen, und dem Stadtzentrum. Jemand empfahl mir das Lokal als ein Ort, wo man tagsüber arbeiten und abends Spass haben kann. In dem Moment, als ich das Lokal betrat, erinnerte ich mich auch wieder, wer es mir empfohlen hatte. Selma, meine allereinzige Hipster-Freundin (die aber von sich selber sagt, sie sei einfach eine Einzelgängerin, kein Hipster), die Hipster-Lokale liebt. Ja, wir sind Freundinnen, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob ich Ihnen eine korrekte Definition eines Hipster-Lokals geben kann. Vintage Möbel gehören dazu, da bin ich sicher. Ebenso zusammengewürfelte Stühle und Sofas. Und alle diese Bilder von Revolutionären an der Wand, die den Namen des Libertad-Lokals rechtfertigen ...

Als wir ins Gymnasium gingen scherzte meine Grossmutter jedesmal, wenn mein Bruder, meine Schwestern oder ich sagten, dass wir einen Kaffee trinken gehen würden: "Ich kann Euch Kaffee machen. Ihr braucht nicht auszugehen." Wenn ich sie heute in Zenica besuche, geniesse ich es, ein wenig früher aufzustehen, um noch einen Morgenkaffee mit ihr zu trinken und auf den neusten Stand zu kommen, was mit ihren Nachbarinnen und ihren Seifenopern-Heldinnen los ist. Endlich erinnert sie sich auch, dass ich meinen Kaffee schwarz trinke, ohne Zucker, aber sie stellt ihn immer noch auf den Tisch. Zucker in Form von kleinen Würfeln natürlich. "Er hat sich von ihr scheiden lassen. Stell Dir vor, sie hat ihren ganzen Lohn fürs Ausgehen ausgegeben und sie rührte keinen Finger im Haushalt. Er musste seine Wäsche zu seiner Mutter bringen und auch dort essen. Denn sie wollte nicht einmal kochen. Schande über sie." Manchmal halte ich dagegen, manchmal weiss ich es besser. "Nimm doch wenigstens einen Keks." Ich nehme immer einen Keks.

Heute muss ich nicht mehr ausgehen, um mit meinen Freunden einen Kaffee zu trinken. Ich kann Ihnen einen italienischen Mokka, einen Illy-Espresso oder sogar einen traditionellen (oder einheimischen, bosnischen, türkischen, wie auch immer Sie ihn nennen wollen) Kaffee anbieten. Normalerweise vergesse ich, dass die Leute Milch oder Zucker nehmen könnten, aber Nenad erinnert sich immer daran, den Gästen einen Eimer voll mit Zuckerpäckchen anzubieten. Zuckerpäckchen, die wir (ok, vor allem ich) während Jahren gesammelt haben. Sie können sich Zucker aus unserer Lieblings Caffé-Bar Luka in Šipan nehmen, oder vom Hotel Konak, wo wir diese köstliche Forelle assen, oder vom Hvaranin in Split, wo Sie unbedingt pašticada versuchen müssen. Der Zucker der Villa Caribe ist von Formia und kommt zusammen mit Nenads Geschichte, wie man dort mozzarella di buffalo macht. Hier sind alle Lokale, in die ich mit Ines in Zenica gehe: das Passage, die Theater Bar, Bourdaux. Erinnern Sie sich, dass das heutige Mr. Charlie Chaplin früher das Kuća war, das noch früher das Tito war? Ja, vielleicht graben Sie sogar ein Caffé Tito-Zuckerpäckchen aus! Oder das Zuckerpäckchen von der Galerija Boris Smoje. Wir haben sogar ein paar Würfelzucker aus Istanbul, und Zuckerersatz aus Amerika. Und Päckchen, die mir Aida von Kambodscha mitgebracht hat. Ein Eimer voller Geschichten.

Nun, meine Art Lokal ist dasjenige, wo ich mich alleine, aber auch in Gesellschaft mit anderen wohlfühle. Wo die Musik gut ist (keine Volksmusik, kein Turbofolk) und nicht zu laut. Wo einen niemand stört. Nicht die Kellner, und auch nicht die anderen Leute. Egal, wie man angezogen ist, was man liest, oder mit wem man zusammen ist.

Daheim entspricht dieser Definition. Wir warten immer noch auf einen besonderen Anlass, um diesen speziellen Kaffee zuzubereiten, den Nenad von Marina, seiner Tochter, erhalten hat, als sie in Bali war. Können Sie sich das vorstellen? Ein Tier isst Kaffeebohnen und wir trinken dann das, was unverdaut zurückgeblieben ist. Wenn das nicht so Ihr Ding ist, wir haben auch noch von diesem tollen Rakija, den unser Freund Enes zubereitet.

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Ordnung ist das halbe Leben

Über Linguistik und andere Arten der Reinheit

Am Internationalen Tag der Muttersprachen, am 21. Februar, sprechen die Journalisten gerne darüber, wie gut wir die Rechtschreibung beherrschen. Sie reden über die Wichtigkeit, unsere Sprache zu pflegen und sicher zu bewahren (oder wie lässt sich očuvanje sonst übersetzen?). Ausgehend von dem, was man zu dieser und ähnlichen Gelegenheiten in den Medien lesen und hören kann, ist dies auch das Verständnis der breiten Bevölkerung von Sprache. Schulen, Medien und Schriftsteller sollten unsere Sprache feiern, sie pflegen; Linguisten sollten sie sauber halten. Aber vor wem schützen wir denn die Sprache? Oder wer macht sie denn schmutzig? Niemand erinnert sich daran, diese Fragen zu stellen.

Reine Sprache, nationalistische Absichten

Fünf Tage nach dem Tag der Muttersprache hielt Snježana Kordić an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo einen Vortrag über die Sprache als Mittel der ideologischen Propaganda. Professorin Snježana Kordić ist bekannt für ihre Studie Sprache und Nationalismus (2010), in der sie bewies, dass Sprachpurismus ein Werkzeug der nationalistischen Propaganda in Kroatien ist. Der Titel ihres Buches gab dem regionalen Projekt, Sprachen und Nationalismen, seinen Namen. Das Projekt endete mit der Deklaration zur gemeinsamen Sprache

Eines der Paradoxe der Sprache, die sie in ihrem Buch und an diesem Vortrag hervorhob, ist die Tatsache, dass die meisten "kroatischen" Wörter, also Wörter, die kroatische Linguisten fördern, solche sind, die niemand verwendet. Purismus führt uns an den Punkt, wo wir sprechen sollten, wie das die Linguisten von uns verlangen und nicht wie die Mehrheit der Sprechenden tatsächlich spricht.

Um ihr Argument zu belegen, erzählte Snježana Kordić eine Geschichte über den Linguisten Dalibor Brozović, der damit prahlte, dass er sich hinsetzen und neue kroatische Wörter erfinden könnte. Doch dann beklagte er sich darüber, dass die Serben nun jedes Wort, das er erfunden hatte, verwendeten. Wir können also sehen, dass dieser Purismus zwei Zwecke verfolgt. Einerseits will er uns glauben machen, dass es einmal ein Goldenes Zeitalter unserer Nation gab, als unsere Sprache noch rein und unverseucht war. Andererseits wollen wir uns durch die Erfindung von neuen oder der Wiederverwendung von alten Wörtern von unseren Nachbarn unterscheiden. Ein echter Kroate zu sein, bedeutet demzufolge, kein Serbe zu sein.

Einmal war ich zum Internationalen Tag des Lesens und Schreibens in das Morgenprogramm einer lokalen TV-Station eingeladen worden, und mein Gastgeber bat mich, den Sprachgebrauch in einem Filmsegment, das sie gerade gezeigt hatten, zu kommentieren. Der Journalist hatte Leute auf dem offenen Markt über den Preis des Gemüses befragt, und ich sollte nun ihre Fehler auflisten. Was? Ihren Mangel an Bildung und ungenügende Lesekenntnisse bestätigen?! Stattdessen sprach ich über Code-Switching und unterschiedliche funktionsspezifische Sprechweisen. Aber offenbar gibt es Linguisten, so behauptete es Snježana Kordić, die sich einer solchen Aufforderung fügen. Im nationalen kroatischen TV-Sender, im Anschluss an das Nachmittagsprogramm, kommentieren regelmässig zwei ProfessorInnen im Studio den Sprachgebrauch von Gästen und interviewten Personen.

In zwei Schritten von Reinheit zum Faschismus

Wenn wir über Reinheit sprechen gelangen wir in wenigen Schritten zum Faschismus. Nehmen Sie zum Beispiel einen einfachen, naiven Artikel aus dem Internet: Studie enthüllt die Händewaschgewohnheiten der Europäer, veröffentlicht vom Forschungsinstitut WIN/Gallup International. Die Frage der Umfrage lautete: Waschen Sie Ihre Hände mit Wasser und Seife, nachdem Sie die Toilette benutzt haben? Der Artikel tauchte in meinen Facebook-Feed auf, weil Bosnien und Herzegowina der Sieger dieser Umfrage war. 96% der Menschen in Bosnien und Herzegowina waschen ihre Hände nach einem Toilettengang. Zum Vergleich, in der Schweiz sind es 73%.

Welcher Art von Debatte könnte nun eine solche Umfrage wohl dienen? Um über Gesundheit zu sprechen? Gute Manieren? Nein. Die Kommentare zu diesem Artikel drehten sich um Rasse und Religion. Ein Kommentar begann mit dem Satz: "Proud to be Portuguese ...!" Ein anderer gibt eine Erklärung: "Most people in Bosnia are muslim ... and that is why they have a greather sence for hygien than most of the european countrys ..." (sic!) Die restlichen Kommentare drehten sich um Fehler auf der abgebildeten Europakarte.

Ok, ich wasche meine Hände mit Wasser und Seife nach der Benutzung einer Toilette. Zuhause. In Restaurants, sicher. In Cafés und Bars wird es allerdings zu einer Lotterie, ob es dort Toilettenpapier und Seife gibt. In Supermärkten ... vergessen Sie es. In öffentlichen Gebäuden? Wenn Sie eine Ärztin oder ein Lehrer sind, und falls Sie einen Schlüssel haben, ja, dann können Sie Ihre Hände waschen. StudentInnen und PatientInnen haben sicher Taschentücher ... Um zum Schluss zu kommen: Ich habe keine Ahnung, wie das Forschungsinstitut auf diese Zahlen gekommen ist.

Wie uns bereits Mary Douglas gelehrt hat, ist der Zweck der Reinheit, die Ordnung in der Gesellschaft aufrecht zu halten. Als wir aufwuchsen, wurde meiner Schwester und mir beigebracht, unsere Hände vor dem Essen zu waschen, nicht während des Essens zur Toilette zu gehen, alles was sich im Haus befindet zu waschen, zu schrubben, zu polieren, zu reinigen, zu wischen, unsere Schuhe auszuziehen und sie vor dem Haus anzuziehen, unsere abgeschnittenen Nägel hinunterzuspülen, keine Krümel im Haus zu verteilen und dann eine Dusche zu nehmen, wenn der Strom günstig ist. Meinem Zwillingsbruder wurden die gleichen Regeln beigebracht, abzüglich des Teiles mit dem Waschen, Schrubben und Polieren. Frauen können das besser, wie das die selbsterfüllende Prophezeiung sagen würde. Allerdings galten die Sauberkeitsregeln nur bis zur Haustüre. Sollen sich andere um die Sauberkeit in ihren eigenen Häusern sorgen.

Aber die Regeln ergeben für mich keinen Sinn mehr. Wenn ich mein Haus sauber halte und es schaffe die Kakerlaken (übrigens heissen die bubašvabe oder rusi, also Schwabenkäfer oder Russen ... purer Rassismus) loszuwerden, dann gehen sie einfach zu meinem Nachbarn, und bald kommen sie dann auch wieder zurück. Wenn ich mein Haus tadellos sauber halte, überzeuge ich vielleicht den Nachbarn davon, dass alles in Ordnung ist. Aber es hilft mir nicht, mit welchem Problem auch immer fertig zu werden, das ich mit dem Schmutz wegzuschrubben versuche.

Snježana Kordić beweist immer und immer wieder, dass es eine nationalistische Ideologie ist, die zur Reinigung der Sprache treibt, indem Wörter erfunden werden und andere verboten – die gleiche Ideologie, die die Leute im Balkan davon überzeugen will, dass wir (vier!) verschiedene Sprachen sprechen, trotz des gesunden Menschenverstands und der Tatsache, dass wir uns gegenseitig problemlos verstehen. Was sagen Bosniakische Nationalisten dazu? Ein paar Tage nach dem Vortrag, brandmarkten sie Snježana Kordić in ihrem propagandistischen Pamphlet "Stav", das sie als wöchentliches Magazin für Politik, Gesellschaft und Kultur ausgeben, als ehrlose Hexe. Die Liste ihrer Sünden ist nicht sehr lang, sie hat im Titel und im Lead des Artikels Platz: Einmal mehr leugnete sie die Existenz der bosnischen Sprache durch die Förderung von Sprach-Hegemonismus und den Vergleich der Verfassung Bosnien-Herzegowinas mit den Hitler Gesetzen.

Selbst wenn die Leute sagen, dass es sie nur interessiert wie sauber ihre eigenen Häuser sind, ist es doch Tatsache, dass man diese immer mit den Häusern der Nachbarn vergleicht. Und wenn man die verschiedenen Nationalismen betrachtet, sieht man, dass sie alle gleich sind. Verletzlich. Ohne Ordnung und den Anderen als Feind fallen sie ganz einfach auseinander. Ob der Andere nun ein anderer Nationalismus ist oder eine Frau, die sich offen gegen Nationalismus zur Wehr setzt.

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Merlinka. Ein Wochenende der Freiheit

"I love gay people in Sarajevo"

Als wir in der Kneipe zusammen sassen, erinnerte uns ein Freund daran, dass wir noch unsere Teilnahme am Merlinka Queer Film Festival vom kommenden Wochenende, dem 25./26. Januar, bestätigen sollten. Wir alle wussten, wie wichtig es ist, öffentlich Unterstützung zu zeigen, und wir alle klickten noch am gleichen Abend in Facebook auf "Teilnehmen" am Merlinka u Sarajevu.

Weisst Du, als wir vor einem Monat wandern gingen, beginnt Lejla eine ihrer zahlreichen Geschichten zum Thema wie es ist, in Sarajevo homosexuell zu sein, da schlug ein Freund vor, ich solle eine Rainbow-Flagge mitbringen und sie auf dem Gipfel des Visočica hissen. Wir waren ungefähr dreissig Personen, qSport hatte den Ausflug organisiert. Als wir hinaufstiegen, war meilenweit keine lebende Seele in Sicht, bis wir auf einem kleineren Gipfel ankamen. Da hörten wir plötzlich eine Männerstimme, die von einem benachbarten Berggipfel aus rief, "Packt diese Flagge ein!" Schräg! Ich habe ihn einfach ignoriert. Und als wir schliesslich an unserem Ziel angelangt sind, dem Crveni kuk, liess ich die Flagge über meinem Kopf wehen. Aber nein! Dieser Mann ist uns gefolgt. Er begann mich anzubrüllen, "Pack diese Flagge ein! Leg sie auf den Boden!" Wir waren dreissig, und doch begannen einige der anderen Wanderer unserer Gruppe auf mich einzuschreien, ich solle tun, was der Mann verlange. So warf ich die Flagge auf den Boden.

Wenn jemand von uns unter diesen dreissig Personen gewesen wäre, hätten wir dem Mann gehorcht oder hätten wir einen Streit begonnen? Hätten wir die Flagge in die Höhe gehalten? Oder, da es hier ja nicht um Flaggen geht: Wieso ist es so schwierig, sich einen sicheren Raum vorzustellen?

Merlinka, bemerke ich scherzhaft, ist einer der sichersten Plätze in Sarajevo. In der Nähe des Art-Kinos Kriterion, wo dieses Jahr nun die sechste Ausgabe des Festivals stattfindet, kann man die Polizei in den maricas (schwarze, schussichere Kastenwagen) patrouillieren sehen, Sicherheitsleute an der Tür, Sanitäter gleich beim Eingangsfenster. Ob wir für sie wohl einfach eine interessante Attraktion sind, ein guter Ersatz für die Reality Show, die sie sonst zuhause im Fernsehen schauen würden? Nun, letztes Jahr haben sie sich darüber beschwert, dass sie die ganze Nacht über stehen mussten. Da haben wir ihnen diesen Bereich gleich beim Eingang zur Verfügung gestellt, erklärte ein Mitglied des Sarajevski otvoreni centar, das das Festival organisiert.

Schau bloss alle diese Paare, die sich küssen. Und das Gedränge. Und die Musik. Wir könnten fast in Amsterdam sein, kommentiert Sanne die Szenerie. Wow, diese beiden hier verstehen sich wirklich sehr gut, setzen wir unseren trač fort. Ein bisschen neidisch, dass es zu der Zeit als wir zwanzig-und-etwas waren, noch kein Merlinka und noch keinen Gemeinschaftssinn für uns gab. Ein bisschen albern, denn mit dreissig-und-etwas sind wir ja noch lange nicht alt!

Sorry, ich habe grad mit Ena gesprochen, mischt sich Aida in das Gespräch ein. Ich kann es kaum glauben. Sie hat mir gerade erzählt, wie sie ihr Coming out bei ihren Eltern im Alter von 14 Jahren hatte. Meine Eltern wussten gar nichts ... Teufel nochmal, ich wusste nicht einmal, dass es andere Leute wie mich gab, bis ich 26 war.

Und wie war das für die älteren Generationen? Wie war es in jenen Zeiten? Wie fanden sie sich gegenseitig? Während des Schreibens an diesem Artikel erinnerte ich mich an die Geschichte Bella Ciao von Lejla Kalamujić, aus ihrem Buch Zovite me Esteban (Mein Name sei Esteban). Die Erzählerin in der Geschichte stellt Bella genau diese Fragen – als sie zum ersten Mal nach deren Tod in Gedanken mit ihr spricht. Denn ein Schweige-Code umgab diese anders aussehende Sängerin, die sich nie verheiratet hatte, die alleine lebte und alleine starb und die sich gleich nach dem Krieg selber ein Haus baute. An diesem Merlinka-Wochenende wurde dieser Schweige-Code, die Sprache des Schweigens, von der Sprache der Liebe abgelöst.

Vor der Filmvorführung am nächsten Tag erzählte ich meiner Freundin von der Performance des Vorabends, die ich leider nicht ganz verstanden hatte. Der Mann, in sexy glitzernden Höschen, umgeben von aufgeblasenen Kondomen, die er ständig aufplatzen liess, wiederholte ununterbrochen: I love being gay. Während das Mädchen, nackt, bekleidet mit Penissen anstelle eines Höschens, wiederholte: I love gay people. Sie sagten auch andere Dinge, aber weder ihre Worte noch der Blowjob, den sie im Laufe der Performance vorführten, waren auf irgendeine Art und Weise schockierend. Schliesslich war Merlinka. Wir alle lieben homosexuelle Leute hier. Aber ok, nackte Menschen auf einer Bühne in Sarajevo, das ist schon sehr beeindruckend.

Weisst Du, vor vier Jahren am Merlinka, beendet Lejla eine ihrer Geschichten zum Thema wie es ist, eine Aktivistin in Sarajevo zu sein, als diese Typen uns angriffen, da waren sie nur vierzehn. Wir waren, ich weiss auch nicht genau, dreissig oder fünfzig. Aber sie schafften es, uns einzuschüchtern, weil sie zu schreien begannen. Es spielt also keine Rolle, wie viele Leute es sind. Alles was zählt ist, wie laut man ist.

Merlinka, ein queeres Festival, an dem Filme gezeigt werden, Performances, Musik, ist eine Übung darin, gehört zu werden. Wir haben immer noch einen langen Weg vor uns, bis ganz Sarajevo und Bosnien ein sicherer Platz geworden sind. Aber wie die Erzählerin in Lejla Kalamujić's Geschichte am Ende sagt, es ist für uns einfacher, denn andere vor uns haben bereits die gleichen Kämpfe gekämpft. Und Bessere und Tapferere werden nach uns kommen. Von dem her, was wir im Kriterion sehen konnten, sind sie schon hier.


Unser Gast aus Sarajevo

Sandra_klein

Sandra Zlotrg ist Linguistin und leitet in Sarajevo den Verein für Sprache und Kultur "Udruženje Linguisti", der sich um die Förderung des Erlernens von Sprachen bemüht. Seit 2007 arbeitet sie als Professorin für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch als Fremdsprache. Ihr Studium hat sie 2016 an der Philosophischen Fakultät Sarajevo zum Thema "Geschlecht und Jargon" abgeschlossen.  Für das Parlament Bosnien und Herzegowinas verfasste sie eine Handreichung zum geschlechtersensiblen Sprachgebrauch. Weiter ist sie Mitarbeiterin bei "Školegijum", einem Magazin zur Rechtserziehung.


Blog 6_Bosnien

Dubravka Ugrešić am Literaturfestival Bookstan, Sarajevo, Juli 2018
Photo © Nenad Veličković

Blog 5_Bosnien

Goran at Trebević mountain
Photo © Davor Zlotrg

Foto Blog 4

Ein Bild aus dem War Childhood Museum, Sarajevo
Foto © Sandra Zlotrg

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Für Gäste ein Eimer voll Zuckerpäckchen mit ihren Geschichten ...
Foto © Sandra Zlotrg

Foto Blog 2

Snježana Kordić an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo.
Foto © Amela Balić

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Merlinka Festival, Januar 2018, Sarajevo
© Sarajevski otvoreni centar