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Kulturnotizen Beirut

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English Version

Beirut, 30. August 2018 

Lieber Mensch

Höchstwahrscheinlich weisst du, wie ich mit Zwischenfällen kooperiere. Selbst wenn diese selten sind.

Ich bin unglaublich präsent, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre ich nicht hier. Ich kann mich zwar zwischen intensivem Grün und Durchsichtigkeit bewegen, aber ich fülle immer den Raum ... Einen physischen Raum, den du mit deinen Augen siehst, oder vielleicht auch einen Raum, den du hinter deinen Augen siehst. Wenn du mir einen Körper geben willst, dann kann ich eine Tür sein, ich kann aber auch ein Sofa sein, ich kann sogar sein oder ihr Lieblingsgericht sein. Ich halte dich, ihn, sie, und alle lebendig ... Aber unter extremen Bedingungen der Auflösung oder der Intensität kann ich tödlich sein.

Es gibt kein Handbuch dafür, wie man mich verwenden soll. Und es wird ein solches auch nie geben. Aber bei den 17'000 Fällen, um die ich mich im Libanon gekümmert habe, kann ich Dir sagen: mit einer Mischung aus etwas wie Logik und irrationalem Gefühl, sich an mich zu klammern ... Auf jeden Fall habe ich es geschafft, mehrere Male ausgestellt und einer Öffentlichkeit gezeigt zu werden.

Jetzt aber möchte ich zu den Augen des Zuschauers und der Zuschauerin wechseln! Ich bin sicher, Du fragst dich, wie die Mütter der Vermissten aus dem Bürgerkrieg sich immer noch an mich klammern können, selbst 28 Jahre nach dem Ende des Krieges. Ach, übrigens, ich bin es, die "Hoffnung", die spricht.

Lass mich Dir etwas erklären! Ich und die Resignation arbeiten gegeneinander. Und so kann es manchmal vorkommen, dass ich verblasse und ganz durchscheinend werde. Aber glücklicherweise kommt dann eine der vermissten Personen zu ihrer Familie zurück und beginnt ihnen von Menschen zu erzählen, von denen sie gehört hat, mit denen sie gesprochen hat oder über die sie etwas erfahren hat, in all den Jahren im Gefängnis. Und weisst du was? Dann komme ich wieder zurück, in voller Grösse und Macht, in die Häuser der restlichen 16'999 Familien.

Ich arbeite Hand in Hand mit dem Warten.

Hast du je schon einmal jemanden warten gesehen ohne Hoffnung?

Hast du je schon einmal jemanden auf etwas hoffen gesehen, ohne dass er darauf gewartet hätte?

In einer Grammatikstunde würdest du lernen, dass "Hoffen" bedeutet, auf etwas zu warten, das vielleicht wirklich passieren wird. Im Gegensatz zu "Wünschen", das üblicherweise verwendet wird, wenn die Möglichkeit, das zu bekommen, was man will, ausgeschlossen ist.

Im Libanon gibt es immer noch Hoffnung, dass eines Tages diese Familien von der psychischen Last des Wartens befreit werden ... dass sie zumindest eine klarere Sicht haben, die ihnen erlaubt zu wissen, auf welchem Grund sie stehen. Wunsch oder Hoffnung?

In Freundschaft,

Hoffnung

Diana Halabi

Der 30. August ist der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens. Für einige Länder hat dieser Tag einen speziellen Nachhall, und der Libanon ist eines dieser Länder. Am Morgen demonstrierten Angehörige von Menschen, die während des Bürgerkrieges verschwunden sind, im Stadtzentrum. Und am Abend eröffnete die Galerie "Art on 56th" eine kleine Kunstausstellung.


Unsere Gäste aus Beirut

Diana_Porträt

Diana Halabi, 1990 in Saida, im Süden des Libanon geboren, studierte Innenarchitektur an der Lebanese University of Beirut und arbeitet seit 2012 als Künstlerin. Seit kurzem entwickelt sie ihre multidisziplinäre Praxis und hat damit begonnen, mit Text, Ton und Video zu arbeiten. Mehr über ihre Arbeiten hier.


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Julian bonnin artwork_Blog 1

Aus der Ausstellung Absence/Presence, Galerie Art on 56th – Künstler Julian Bonnin, 30. August 2018 © Julian Bonnin 

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Aus der Ausstellung Absence/Presence, Galerie Art on 56th – Künstler Hussein Nasrdeen, 30. August 2018 © Hussein Nasrdeen

zeina al khalil_Blog 1

Eine Installation von Zena al Khalil, Beit Beirut, September, 2017 © Zena al Khalil 

Plakat_Blog 1

Ausstellungsplakat, Absence/Presence