Alltag in Syrien

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15. August 2017

Tartus-Beirut-Zürich

Es ist Zeit für einen Schweiz-Aufenthalt. Da es keine direkten Flugverbindungen von Syrien nach Europa gibt, mache ich mich auf den Weg nach Beirut. George, mein Chauffeur, holt mich ab. Ein verlässlicher Fahrer, der die Hürden der Reise kennt: die Checkpoints, die Grenzformalitäten, der Stau im Libanon, die unsichere Lage in Tripoli. Es ist Abend, wir fahren durch ein dunkles Syrien, es herrscht gerade Stromausfall. In der Ferne sind die Lichterketten des Libanons zu sehen.

Nach einer Stunde erreichen wir die libanesische Grenze, die für Syrer seit drei Jahren faktisch geschlossen ist. Allerdings gibt es Ausnahmebewilligungen und die libanesischen Beamten lassen sich Zeit, diese zu überprüfen. Ganze drei Stunden warten wir, bis wir an die Reihe kommen. Mit dem Schweizerpass ist das Durchkommen kein Problem.

Auf der vierstündigen Fahrt sprechen wir nicht viel. George ist ein ruhiger Mann. Wenn er mich jeweils auf der Rückkehr von der Schweiz am Flughafen abholt, frage ich ihn: "Wie ist die Lage in Syrien?" Und jedes Mal antwortet er: "In Tartus und in meinem Dorf ist es ruhig. Aber wie es im Rest des Landes ist, das weiss ich nicht." George hat drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter. "Alhamdullah" (Gott sei Dank), sagt er – als einziger männlicher Nachkomme ist sein Sohn von der Militärpflicht befreit.

Ich bezahle George einen guten Preis für seine Fahrdienste. Und er macht einen guten Job: er versorgt mich mit Kaffee und Sandwiches, erledigt für mich die Grenzformalitäten und erklärt den Soldaten an den Checkpoints, dass ich "swissrie" (Schweizerin) bin. Die Reaktion der Soldaten fällt durchgehend positiv aus, ob es wegen Roger Federer (im Libanon allseits bekannt) oder wegen "Genève 1-6" ist, darüber kann ich nur mutmassen. Dass George unterwegs oft anhält, um Besorgungen zu machen (Medikamente für seine Nachbarn in Syrien, Autoersatzteile für den Cousin, libanesische Süssigkeiten für seine Frau), nehme ich dafür in Kauf.

Wir fahren durch Tripoli im Norden Libanons, plötzlich sind Schüsse zu hören. Das beunruhigt George nicht weiter, die Schüsse seien weit weg, erklärt er mir. Tripoli sei der einzige Ort im Libanon, wo es Probleme gebe. Was nicht ganz stimmt. Kurz darauf hören wir die Nachrichten im Autoradio: gewalttätige Auseinandersetzungen im Palästinenserlager Ain el-Helweh. Die gleichen Nachrichten wie schon vor 30 Jahren, als ich das erste Mal im Libanon war – so kommt es mir vor. Der ewig gleiche Nahe Osten.

Als wir in die Nähe von Jounieh, einem reichen Vorort von Beirut kommen, wird es westlich. Angepriesen werden Sushi-Mahlzeiten für 30 Dollar pro Person – ein halber Monatslohn in Syrien –, Kreuzfahrten nach Griechenland, Big Burger von Mac Donald, Kredite für Heiratswillige, grossformatige Werbung für Hundefutter. Unglaublich, denke ich, nur eine Autostunde von der syrischen Grenze entfernt. Doch auch in Beirut sind noch beschädigte Häuser zu sehen – 27 Jahre nachdem der Krieg beendet bzw. eingefroren wurde. Ich frage mich, wie lange es in Syrien dauern wird, bis die Spuren beseitigt sind. Wird es je zu einer Aufarbeitung des Krieges kommen? Ich bezweifle es.

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23. Juni 2017

"Wer wir waren – wer wir sind"

Das ehemalige Hotel Zum Meeresblick ist eine der vielen Flüchtlingssiedlungen an der Küste. Das Hotel ist baufällig und platzt aus allen Nähten: Fünfzig Familien wohnen hier in fünfzig Zimmern, die eigentlich für Kurzurlaube am Meer gedacht sind. Die meisten BewohnerInnen kommen aus den sunnitischen Quartieren von Homs, wo ihre Häuser in Schutt und Asche liegen. Obwohl die Kriegshandlungen in Homs bereits seit zwei Jahren eingestellt sind, steht eine Rückkehr für sie in weiter Ferne. Ihre Quartiere sind ohne Strom und Wasser, und das Geld für den Wiederaufbau der Häuser fehlt.

Fatme, eine Bekannte von mir, bewohnt mit ihrem Mann eines der Zimmer. Wie jedes Jahr hat sie mich zu einem Ramadanessen eingeladen und begrüsst mich herzlich: Sie ist die perfekte Gastgeberin – auch in dieser ärmlichen Umgebung. Ihr Zimmer ist karg eingerichtet: zwei Schaumgummi-Matratzen am Boden, ein Gaskocher, ein – aufgrund der vielen Stromausfälle – defekter Kühlschrank. Das Loch in der Decke, wo es im Winter hineinregnet, hat sich seit meinem letzten Besuch noch vergrössert. Auf einem kleinen Tisch sehe ich eine Schüssel mit gefüllten Weinblättern, deren Zubereitung Stunden dauert.

Ich habe Fatme vor fünf Jahren im Bus von Latakia nach Tartus kennengelernt. Sie sei aus Homs, erzählte sie mir, und bereits vor sechs Monaten an die Küste geflüchtet. Sechs Monate im Exil – das erschien uns beiden damals eine unendlich lange Zeit. Ich selber war gerade erst vor drei Wochen von Aleppo nach Tartus gekommen.

Seit unserer ersten Begegnung ist Fatme um Jahre gealtert. Ihre Haut hat eine ungesunde Farbe, und als sie ihr Kopftuch auszieht, sehe ich, dass ihr Haar ausgefallen ist. Geld für einen Arztbesuch hat sie nicht. Die Rente ihres Mannes, ein pensionierter Staatsangestellter, reicht kaum aus, um die Miete des Zimmers und die nötigsten Lebensmittel zu bezahlen. Jetzt, während des Ramadans, lasten das Exil und die Armut besonders schwer auf ihr. "Früher hatten wir ein bescheidenes Leben, aber es hat für alles gereicht. Während des Ramadans war unser Kühlschrank voll, und wir hatten Vorräte: Käse und Fleisch, Eingemachtes. Jetzt sind wir auf Linsen und Bulgur der Hilfslieferungen angewiesen", klagt Fatme, und ich spüre ihre Kränkung.

Mit ihren 60 Jahren gilt Fatme in Syrien als alte Frau. In einem normalen Leben – ohne Krieg – würde sie sich um ihre zahlreichen Enkelkinder kümmern. Sie würde jeden Freitag ein Festessen für ihre sieben Kinder und deren Familien kochen, die alle in ihrer Nähe wohnen. Sie hätte Hilfe von ihren Töchtern und Schwiegertöchtern und würde als ältere Frau allseits respektiert. Ihr Mann würde mit den Nachbarn Karten spielen – ausser Haus, so wie es sich gehört.

Heute lebt Fatme allein mit ihrem Mann, der das Zimmer kaum verlässt und in der Nacht unruhig hin- und herwandert. Ihre Kinder leben verstreut in Jordanien, im Libanon, in Deutschland, in Damaskus, Tartus, Aleppo und Homs, und sie hält den Kontakt zu ihnen per WhatsApp und Telefon aufrecht. Um zu überleben, trägt sie sich in unzählige Listen von Hilfswerken ein und wartet stundenlang, um eine Wolldecke, ein paar Teller, Kleider, ein Kilo Zucker oder Reis zu ergattern. Seit kurzem arbeite sie auch in den nahen Tomatenplantagen, erzählt sie mir heute, für 200 Lira die Stunde – der Preis für 1 Kilo Tomaten. Die Arbeit sei anstrengend, in den Plastikzelten sei es unerträglich heiss und der Chef würde sie als "muhatschabe" (verschleierte Frau) schlecht behandeln.

Nach dem Fastenbrechen sitzen wir auf ihrem kleinen Balkon und schauen aufs Meer hinaus. Die gefüllten Weinblätter haben wir verspeist – sie waren köstlich. Unten am Strand sehen wir eine alte Frau, die gestützt von einem kleinen Mädchen Brennholz einsammelt. Sie trägt die Kleidung von Deir al-Zor, einer umkämpften Stadt im Osten des Landes. Auch sie hat es an die Küste verschlagen. Fatme seufzt: "Was ist nur aus uns geworden!" Und dann sagt sie, in ihrer bescheidenen Art, was sie angesichts all der Ungerechtigkeiten und Katastrophen immer zu sagen pflegt: "Alhamdullah (Gott sei Dank). Allah wird uns beschützen. Das Wichtigste ist, dass wir noch am Leben sind."

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20. Juni 2017

Die heilige Maria als Schutzpatronin

Mit dem Bus fahren wir durchs bergige Hinterland von Tartus, vorbei an Granatapfel-, Orangen- und Zitronenbäumen. Auf einem malerischen Hügel liegt Saabil, ein Dorf mit 400 Familien. Am Ortseingang steht eine Statue der Heiligen Maria, die Schutzpatronin der Meere, wie sie hier genannt wird. Es ist früher Abend, die DorfbewohnerInnen sitzen auf Plastikstühlen vor ihren Häusern, trinken Kaffee und rauchen Argile (Wasserpfeife). Bei der maronitischen Kirche wartet Pfarrer Jousef bereits auf uns. Er hat uns als Englischlehrer für die Sommerferien engagiert und möchte uns den Kindern vorstellen.  

Im Vortragsraum des geräumigen Kirchengebäudes warten bereits 50 Mädchen und Jungen. Wohlerzogen sitzen sie auf ihren Stühlen, sie wirken ein wenig schüchtern, da Pfarrer und LehrerInnen unangefochtene Autoritäten in Syrien sind. Alle tragen die neusten Sneakers, die nicht unter 50 Dollars zu haben sind. Um die Stimmung aufzulockern, fragen wir die Kinder, warum sie Englisch lernen wollen. "Ich möchte später nach Amerika gehen", sagt ein 10jähriges Mädchen, die anderen drücken sich vor einer Antwort. "Wegen face und whats (wie in Syrien Facebook und WhatsApp genannt werden)?" "Jaaah", rufen alle. Der letzte Sommerkurs sei kein Erfolg gewesen, hören wir später von den Kindern, die ganze Zeit hätten sie englische Kirchenlieder wie "Holy Night" lernen müssen.

Inmitten des Krieges leben diese Kinder eine relativ behütete Kindheit. Während viele Flüchtlingskinder an der Küste nebst der Schule im Grossfamilien-Haushalt mithelfen oder als Coiffeur-, Schneider- oder Küchengehilfen arbeiten, kennen die Kinder von Saabil eine strukturierte Freizeit. Die Pfarrgemeinde, die als wohlhabend gilt, organisiert eine Vielzahl von Aktivitäten: Katechismusunterricht, Sprach- und Sportkurse, Pfadfindergruppen, Kirchenchor. Gibt es Probleme in der Familie, macht der Pfarrer persönlich Hausbesuche, um die Wogen zu glätten.

Es sei ihm ein Anliegen, dass die Christen im Land bleiben, meint Pfarrer Jousef beim anschliessenden Kaffee in der Pfarreistube. Zwei Drittel der Christen hätten Syrien bereits verlassen. "Es braucht starke Gemeinschaften, die die Jugendlichen einbinden und sie in ihrer christlichen Identität stärken."

Die Christen in dieser Gegend sind eine in sich geschlossene Gruppe. Konfessionell gemischte Heiraten etwa sind undenkbar. Saabil wird ausschliesslich von Christen bewohnt, und kein Dorfbewohner würde jemals ein Haus an Sunniten oder Alawiten vermieten. Auch die dreissig Flüchtlingsfamilien, die der Ort in den letzten Jahren aufgenommen hat, sind Christen. Pfarrer Jousef ist kein Verfechter des interreligiösen Dialogs: Priorität hat für ihn die Bewahrung der Gemeinschaft, die er als Garant für den Frieden im Dorf sieht.

Doch auch Saabil ist nicht gänzlich vom Krieg verschont. Das Dorf habe zwei gefallene Soldaten zu beklagen, erzählt Pfarrer Jousef. Und im ersten Kriegsjahr seien vier Dorfbewohner entführt worden – von Bewohnern der umliegenden alawitischen Dörfer, zu denen schon früher ein angespanntes Verhältnis geherrscht habe. Dabei sei es jedoch nicht um Politik, sondern um Geld gegangen: "Die Christen gelten als reich und sind bevorzugte Entführungsopfer." Die Kirchenglocken läuten und Pfarrer Jousef verabschiedet sich von uns, um die Abendmesse zu halten.

Auf der Rückfahrt sind in der Ferne die Lichter von Tartus und der Insel Arwad zu sehen. Einige Tage zuvor haben russische Streitkräfte von der Küste aus eine Rakete in die IS-Gebiete abgeschossen. Auch Jean, unser Taxifahrer aus Saabil, hat davon gehört. Es scheint ihn nicht zu beschäftigen: "Ich fahre jeden Tag zur Arbeit nach Tartus und abends kehre ich in mein Dorf zurück. Dort trinke ich meinen Arak (Anisschnaps) und habe meine Ruhe."

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16. Juni 2017

Die Chalets von Ras el Basit

Ras el Basit war früher ein beliebter Ferienort der Aleppiner. Das Dorf in der Nähe der türkischen Grenze lag vor dem Krieg drei Autostunden von Aleppo entfernt. Jetzt sind es – mit vielen Umwegen durch die Wüste – acht Stunden.

Mit dem Minibus von Latakia kommen wir auf dem Dorfplatz an. Ali, der junge Verwalter der "Chalets" (wie die Ferienhäuser an der Küste genannt werden), begrüsst uns freundlich. Er weist uns ein etwas reparaturbedürftiges Häuschen am Meer zu, wo wir das Wochenende verbringen werden. Ali hat uns wiedererkannt, obwohl unser letzter Besuch sechs Jahre zurückliegt. Er war in der Zwischenzeit vier Jahre im Militär in Daraa und ist erst seit kurzem wieder zurück. Es habe sich viel verändert im Dorf: Nach einem vollständigen Einbruch des Tourismus zu Beginn der Unruhen seien im Sommer 2012 zweitausend aleppinische Familien hierher geflüchtet und in den Ferienhäusern untergekommen – was den kleinen Ort restlos überfordert habe. Der Müll stapelte sich, eine Mückenseuche hat sich ausgebreitet. Doch jetzt würden die Aleppiner zurück in ihre Stadt gehen, viele seien bereits abgereist. Ali hofft, dass Ras el Basit bald wieder zu einem sauberen Touristenort wird. Er hat im Fernsehen gesehen, dass die Regierung diesbezüglich bereits Projekte hat.

Wir spazieren durch die Hauptgasse des Dorfes, es ist noch eine Stunde bis zum Ramadan-Fastenbrechen. Die Aleppiner – für ihre Geschäftstüchtigkeit berühmt – haben hier Läden eröffnet wie Kebab Halab oder Aleppo Gate, mit speziellen Süssigkeiten für den Ramadan. In der Gasse herrscht Gedränge, schwarzverhüllte Frauen tätigen ihre letzten Einkäufe, Kinder springen herum und Männer grillieren vor ihren Häusern. Die Einheimischen sehen dem Treiben zu, rauchen Wasserpfeife und trinken Mate-Tee – die Alawiten seien flexibel beim Fasten, hat uns Ali erzählt.

Wir kommen an den "Chalets der Arbeiter von Homs und Hama" vorbei, ein Projekt von Hafez al Assad, das der werktätigen Klasse bezahlbare Ferien ermöglichte. Inzwischen werden sie von aleppinischen Flüchtlingen bewohnt. An einem der Chalets hängt ein von Hand beschriftetes Schild: "Willkommen beim Barbier Abu Ahmed". Auf der Terrasse vor seinem Haus hat Abu Ahmed sein Geschäft eingerichtet: ein Plastikstuhl, ein Tischchen mit Coiffeur-Utensilien, eine Scherbe Spiegel. Wir folgen seinem "Ahla u Sahla" (Willkommen), und mein Begleiter lässt sich eine Rasur machen. Abu Ahmed kommt aus Ostaleppo. Soeben ist er von einem Kurzbesuch in Aleppo zurück und ist gut informiert: Es gebe keine Bomben mehr und die Checkpoints innerhalb der Stadt seien entfernt worden. Doch die Zerstörungen seien immens, und Diebstähle und Entführungen hätten zugenommen. Geld, um sein zerstörtes Haus wieder aufzubauen, hat er nicht. "Ich werde vorerst nicht zurückkehren", meint er. "Hier habe ich mein Geschäft und meinen Kundenstamm."

Von der Terrasse aus begrüsst Abu Ahmed eine Gruppe von Männern, die vorbeispaziert. "Sie sind aus Kefraya und Al Fouaa, zwei Dörfer, die vier Jahre lang von den Rebellen belagert wurden", erzählt er uns. Vor ein paar Wochen seien zwölf Busse mit Frauen, Kindern und Männern von dort angekommen. "Die Aleppiner gehen zurück und neue Flüchtlinge kommen", meint er betroffen.

Auf der Heimfahrt nach Tartus sitzen drei junge, modern gekleidete Frauen neben mir im Minibus. Sie haben vor kurzem ihr Medizinstudium in Latakia abgeschlossen und arbeiten in einem "Chalet", das provisorisch in ein Ambulatorium für Flüchtlingsfrauen umgewandelt wurde. Sechs Tage die Woche, bis zu 50 Patientinnen pro Tag, ein harter Job, und sie machen ihn nicht ganz freiwillig. Vom Staat aus seien sie verpflichtet, bis zu 5 Jahren nach Abschluss des Studiums einen Landdienst zu machen, erzählen sie. Sie träumen davon, nach Europa zu gehen, wo das Leben ihrer Meinung nach so viel einfacher ist. Als wir in Latakia ankommen, rufen sie dem Chauffeur lachend zu: "Weiterfahren, bitte, Richtung Schweiz!" 

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10. Juni 2017

Ein Buch zum Preis eines Falafels – ein Kulturrundgang durch Tartus

In der Buchhandlung El Andalus in Tartus bin ich an diesem Nachmittag die einzige Kundin. Es ist ein dunkler Raum, Zigarettenrauch hängt in der Luft, verstaubte Bücher stehen in den Regalen. Es ist heiss, und der mürrisch aussehende Buchhändler ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich ihn nach den meistverkauften Büchern frage, lässt er sich dennoch in ein Gespräch verwickeln. Er zeigt auf eine Lieferung, die soeben eingetroffen ist: Paolo Coelho – ein richtiger Boom, gleich mehrere Übersetzungen sind dabei – Amin Maalouf, Khaled Hosseini, Najib Mahfus und Edward Said. Auch Kochbücher und Ratgeber wie "Positives Denken" würden gut verkauft, meint er. Bücher über die aktuelle politische Lage hingegen seien nicht gefragt, "die Leute sind müde vom Krieg, sie wollen Abwechslung". Sein Geschäft laufe gut, behauptet er, denn Tartus sei die Stadt mit dem national höchsten Bildungsniveau und nirgendwo in Syrien werde mehr gelesen als hier – was mich erstaunt, denn in den Wohnungen meiner Bekannten sehe ich vor allem Schulbücher, den Koran oder die Bibel.

Anderer Meinung – was die Lesegewohnheiten der Tartusi anbetrifft – ist Abu Ali, der Buchhändler von Suriana (Unser Syrien), bei dem wir regelmässig die Tageszeitung kaufen. Er ist Besitzer der ältesten Buchhandlung von Tartus, geerbt hat er sie von seinem Grossvater. Das Geschäft laufe schlecht, denn die Leute würden kaum lesen, obwohl ein Buch nur so viel koste wie ein Falafel, klagt er. "Die Syrer verbringen ihre Freizeit lieber in Gesellschaft als allein vor einem Buch." Abu Ali lebt denn auch in erster Linie vom Verkauf von Schreibwaren und von den Einnahmen seines Kopierapparates. Anders als in Damaskus gebe es in Tartus keine Tradition des Lesens. Der Versuch eines Geschäftsmannes, eines der modernen Lesecafés, wie sie in Damaskus existieren, in Tartus zu eröffnen, sei gescheitert. Ein solches Konzept, das zudem ein Rauchverbot im Café vorsah, lasse sich nicht auf die Küste übertragen: "Hier wollen die Leute in Ruhe ihre Wasserpfeife rauchen, sie wollen nicht lesen und diskutieren."

Bücher lesen??? Rania, die an der Universität Tartus im 3. Jahr englische Literatur studiert, schüttelt den Kopf. Nein, dazu habe sie keine Zeit. Wie das komme, als Literaturstudentin? "Im Studium lesen wir nicht, wir lernen auswendig", meint sie. "Die Zusammenfassungen der Dozenten, die Inhalte, die an den Prüfungen kommen." Das Schulsystem habe im Krieg schwer gelitten, fährt sie fort, die Schulen und Universitäten an der Küste seien hoffnungslos überfüllt und der Unterricht sei katastrophal. "Niemand in meinem Studiengang verfügt über solide Grundkenntnisse in Englisch – wie wollen wir so Bücher lesen?" Richtig Englisch lernen will Rania nach dem Studium, wenn der Prüfungsdruck weg ist.

Ich mache mich auf den Weg zum staatlichen Kino, das 2012 eröffnet wurde. Täglich werden drei verschiedene Filme gezeigt, diese Woche sind "Vamps" und "The Red Eagle" (Science Fiction) sowie ein syrischer Film über die Ideologie des IS auf dem Programm. Der Eintrittspreis ist bezahlbar – weniger als ein Falafel –, doch an diesem Tag ist das Kino leer. Auch das staatliche Kulturzentrum, das in der Nähe des Kinos liegt, wird nicht von Besuchern überschwemmt. Das Angebot wirkt etwas antiquiert: Vorträge über die Literatur des arabischen Nationalismus und eine Veranstaltungsreihe anlässlich des Tages der gefallenen Soldaten während des Unabhängigkeitskrieges gegen die Franzosen.

Ausserirdische, Vampire und die Helden der Vergangenheit – das Kulturangebot von Tartus ist bescheiden. Ich bin jedenfalls froh um meine Bücher, die ich jeweils kofferweise von der Schweiz mitschleppe.

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27. Mai 2017

"Ma fi schi"

Auf der Küstenstrasse von Latakia nach Tartus fahren wir an einer überdimensionalen Statue von Hafez al Assad vorbei, daneben steht eine Tafel, deren Inschrift besagt: "Gesegnet sei das Land, das Hafez hervorgebracht hat." Mit erhobener Hand und leicht gesenktem Kopf grüsst er von seinem Sockel herab das vorbeifahrende Volk.

Die Autoschlange vor dem Checkpoint bei der Einfahrt nach Tartus ist lang. Es ist heiss, wir sitzen eingeklemmt in einer Autolawine. Ein beklemmendes Gefühl: Wenn eines der Fahrzeuge explodiert, gibt es kein Entkommen. Ich mustere die Autos neben uns, die Gesichter der Fahrer. Neben mir sitzt eine ältere, übernächtigt wirkende Frau, die über viele Umwege von einem Oppositionsgebiet nach Tartus gereist ist, um ihren Bruder im hiesigen Spital zu besuchen. "Was für ein merkwürdiger Ort", meint sie, als wir das Stadtzentrum erreichen, "es sind keine Bomben und Schüsse zu hören."

"Ma fi schi" (es gibt nichts, es gibt keine Probleme), antworten die Leute, wenn man sie nach der Lage in Tartus fragt. Abgesehen von einem Selbstmordanschlag im Mai 2016, der zahlreiche Tote forderte, ist es hier bis heute ruhig geblieben. Spaziert man durch das Zentrum, hat man einen Eindruck von Normalität: Polizisten in weisser Uniform regeln den Verkehr, im öffentlichen Park "Basil" bewässern staatliche Angestellte die Rasenflächen und schneiden die Rosensträucher. Die Cafeterias an der Corniche, die klangvolle Namen wie Salsabella, Cello und Skyrose tragen, sind gut besucht – auch an diesem Nachmittag während des Ramadans. Am Strand sieht man JoggerInnen und Liebespaare. Nur vier Autostunden vom nächstgelegenen IS-Gebiet entfernt wird hier Säkularität und Modernität zelebriert. Wer einen Hijab trägt, wie viele der Flüchtlingsfrauen, gehört sichtbar zu den "Anderen".

Nicht weit von der Corniche liegt das Quartier, in dem ich seit drei Jahren wohne. Hier sind die Auswirkungen des Krieges deutlich sichtbar. Die Menschen sind ärmlich gekleidet, vor einer staatlichen Verteilstelle stehen die Leute Schlange für ein paar Kilo Gratis-Zucker – auch an der Küste leiden die Menschen unter den rasant gestiegenen Preisen. An vielen Häusern hängen grossformatige Plakate von "Märtyrern" – Tartus ist die Stadt mit den meisten gefallenen Soldaten. Die Männer, mit einer Kalaschnikow abgebildet, sind zu Helden des Vaterlandes geworden – für die Familien sind es die toten Söhne und Ehemänner.

Meine Nachbarn sind Alawiten, die meisten von ihnen arbeiten als Staatsangestellte. Sie führen ein zurückgezogenes Leben, und ausser zur Arbeit verlassen sie das Quartier nur selten. Alia, die neben mir wohnt, meint: "Es wohnen viele Flüchtlinge aus Oppositionsgebieten in der Stadt. Wir haben Angst, dass es unter ihnen Terroristen geben könnte."

Das ganze Quartier ist von einem engmaschigen Kontrollnetz durchzogen. Der Fischverkäufer um die Ecke, der Zigarettenhändler von gegenüber, die alten Männer, die abends auf dem Trottoir Karten spielen: sie alle kontrollieren die Strassen. Als Neuzugezogene wurde auch ich anfangs beobachtet. Seit ich in einem nahen Schreibwarenladen Materialien für unser Kinderzentrum einkaufe – wo sich der Besitzer diskret nach meinen Lebensumständen erkundigte – gelte ich als "die Ausländerin, die mit Kindern arbeitet". Die Schweiz hat einen guten Ruf hier. "Das schönste Land der Erde! Sicherheit, Wohlstand, Disziplin, nicht einmal Verkehrsampeln gibt es dort!", sagte mir der Schreibwarenhändler und wunderte sich, dass ich in Tartus wohne.


Unser Gast aus Syrien

Elena Wetli

Elena Wetli ist Ethnologin und arbeitete nach dem Studium mit traumatisierten Asylsuchenden bei der Asylorganisation Zürich. Seit 2010 lebt sie in Syrien, seit 2017 teilweise auch in der Schweiz. Von 2010-2012 war sie Koordinatorin des psychosozialen Dienstes für irakische Flüchtlinge in Aleppo (JRS, Jesuit Refugee Service). Seit 2012 wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten in Tartus an der Küste, wo sie in lokalen Projekten für intern vertriebene Kinder und Frauen arbeitet.


Vorbemerkung zu den Beiträgen

Syrien ist heute ein gespaltenes Land. Dementsprechend unterschiedlich sind die Lebensumstände der Menschen und ihre Erfahrungen im Krieg. Diese Kolumnen beziehen sich ausschliesslich auf die Küstenregion, wo die Menschen in relativer Sicherheit leben.  

Das Gouvernorat Tartus mit ca. 1 Mio. Einwohner liegt an der Küste Syriens, an der Grenze zum Libanon, und wird von der Regierung kontrolliert. Im Laufe des Krieges sind ca. 750‘000 intern Vertriebene in diese Gegend geflüchtet. Zwischen den Einheimischen (vorwiegend Alawiten) und den intern Vertriebenen (vorwiegend Sunniten) herrschen Spannungen. Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt es jedoch relativ selten.

Alle Personennamen wurden geändert. Fotos © Elena Wetli

Umland Tartus

Blick auf die libanesischen Berge

Ramadanessen

Ein Kind wartet auf das Fastenbrechen während des Ramadans

Christliches Dorf-2

Freizeitvergnügen im christlichen Dorf

Hinterland_Tartus

Olivenbäume im Hinterland von Tartus

Tartus_Buchhandlung

Tartus, Monument im öffentlichen Park: "Tartus – das Meer, die Ebene, die Berge – frei von Analphabetismus 2010"

Tartus_Küste

Corniche in Tartus – Lieblingsbeschäftigung der Küstenbewohner