Gaziel

Nach Saloniki und Serbien. Eine Reise in den Ersten Weltkrieg

1915 hat der in Paris lebende, in Katalonien geborene Journalist Augustí Calvet von der Zeitung La Vanguardia den Auftrag erhalten, nach Griechenland und falls möglich nach Serbien zu reisen und aus erster Hand zu berichten. Zu dieser Zeit hatte sich Griechenland noch nicht entschieden, auf welche Seite es sich im Ersten Weltkrieg stellen sollte. Der König unterstützte die Deutschen, der Premierminister Venizelos unterstützte die Quadrupel-Allianz, also die Alliierten. Je nach Entscheidung würde Griechenland Serbien in ihrer Verteidigung gegen die angreifenden Bulgaren zu Hilfe eilen – oder eben nicht. Bis dahin sammelten sich in Griechenland und vor allem in Saloniki die verschiedenen Streitkräfte und die zahllosen Flüchtlinge aus Serbien und Mazedonien.

Calvets Reportage hat diese vorübergehende Situation eingefangen. Er hat Interviews geführt mit Venizelos, mit dem Privatsekretär des Königs, mit jüdischen Kaufleuten, mit den französischen und den englischen Streitkräften, mit Mönchen, mit Leuten in den Kaffeehäusern ... Das Resultat ist ein sehr differenziertes und vielfältiges Bild der Situation in Griechenland zur Zeit des Ersten Weltkrieges. In einer überaus blumigen Sprache, die auch seine eigene Befindlichkeit miteinbezog, beschreibt Calvet seine Reisen, seine Interviewpartner, schildert er Szenen auf der Strasse, in Kaffeehäusern. Man wähnt sich schon fast in diese Zeit zurückversetzt und begibt sich mit ihm und seinem dänischen Reisegefährten Bagge in gefährliche Gegenden und unbequeme Nachtlager.

Nur manchmal muss man ein wenig leer schlucken, wenn Calvet von Völkergemisch, Barbaren, unzivilisierten Menschen schreibt und sich eine ganze Reihe von Stereotypen eröffnen, zu den sephardische Juden in Saloniki, den türkischen Kaufleuten, den serbischen und mazedonischen Bauern. Doch muss man sich immer vor Augen halten, dass er die Ideenwelt der europäischen Gesellschaft anfangs des 20. Jahrhunderts beschreibt. Die Ideenwelt, die eben auch den Krieg ermöglicht hatte. Für diesen Einblick in diese Welt wie auch für die Beschreibung der politischen Situation eines Landes, das gegen seinen Willen in einen Krieg hineingezogen werden soll, lohnt es sich sehr, diesen schön editierten Text zu lesen. cn

Klappentext:

Griechenland-Krise? Flüchtlingsdramen an Europas Südostküste? Hier kann man nachlesen, was schon der Erste Weltkrieg in dieser Hinsicht anrichtete. Agusti Calvet aus Barcelona, unter dem Pseudonym Gaziel bis heute eine spanische Journalistenlegende, hat es aufgeschrieben. 1915 schickt ihn seine Zeitung auf eine Reise. Übers Meer fährt er nach Griechenland, wo er statt klassischer Szenerien ein zerfallendes Staatswesen von Europas Gnaden vorfindet. Im besetzten Saloniki unterhält er sich mit der in Angst und Schrecken versetzten jüdischen Bevölkerung. Auf dem Weg nach Serbien schliesslich erlebt er das Elend der an der Grenze durch den Schnee irrenden Flüchtlinge. Ein Reisebericht zu Kriegszeiten. Ähnlichkeiten mit heutigen Begebenheiten sind ebenso zufällig wie wenig verwunderlich.

Über die Autorin / über den Autor:

Gaziel wurde 1887 als Agusti Calvet Pascual in Sant Feliu de Guixols, Katalonien, geboren. Als Student erlebte er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Paris und wurde umgehend Kriegskorrespondent der in Barcelona erscheinenden Tageszeitung La Vanguardia, deren Chefredakteur er später werden sollte. Seine Reportagen erschienen in mehreren Bänden, Nach Saloniki und Serbien ist die erste Übersetzung ins Deutsche. Gaziel starb 1964 in Barcelona.

Preis: CHF 34.90
Sprache: Deutsch (aus dem Spanischen von Matthias Strobel)
Art: Gebundenes Buch
Erschienen: 2016
Verlag: Berenberg
ISBN: 978-3-946334-02-6
Masse: 268 S.

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