Elsa Morante

La Storia

Der Roman beginnt im Januar des Jahres 1941 in den Strassen Roms, genauer im Arbeiterquartier San Lorenzo. Ein junger, beschwipster deutscher Soldat mit Namen Gunther begegnet an der Schwelle eines Haustores der Volksschullehrerin Ida, die mit Einkaufskorb und Schultasche beladen in ihre bescheidene Wohnung heimkehrt. Ida ist 36 Jahre alt und Mutter von Nino, einem fünfzehnjährigen Jungen. Idas Ehemann Alfio ist zu dieser Zeit schon einem Krebsleiden erlegen. Ida ist gemäss des vom faschistischen Regime verfassten Judengesetzes eine Halbjüdin und deshalb Verfolgung und Deportation ausgesetzt. Das zufällige Zusammentreffen mit dem ahnungslosen Deutschen vor ihrem Wohnblock versetzt sie in Schrecken. Die Angst, die sich in ihren Augen ausdrückt, kränkt den jungen Mann. Trotzdem geht er ihr nach in die Wohnung und murmelt dabei die wenigen italienischen Wörter, die er bei seinem kurzen Aufenthalt in Rom aufgeschnappt hat. "Dormire", "carina", "fare amore", sagt er, als er hinter Ida deren leere Wohnung betritt. Was nun folgt ist nicht nur die Beschreibung einer Vergewaltigung, sondern auch die Schilderung eines Beischlafs, bei dem zwei durch den Krieg verängstigte Menschen in einen gemeinsamen Taumel fallen, der sie beide in einem Gefühl verstörender Zartheit zurücklässt. Drei Tage nach diesem Vorfall stirbt Gunther bei einem Truppentransport im Flugzeug, das über Sizilien abgeschossen wird. Knapp neun Monate später bringt Ida einen Jungen zur Welt. Er hat schwarze Haare und tiefblaue Augen, und er ist winzig. Er wird auf den Namen Giuseppe Felice Angiolino getauft. Der Name ist Programm, wie wir später erfahren werden.

Als der erstgeborene Nino im September aus einem Ferienlager nach Hause kommt, trifft er in der Wohnung auf den stramm strampelnden Winzling. Ab diesem Moment ist der Bund der ungleichen Brüder auf ewig geschlossen. Diese unzerstörbare Geschwisterliebe trägt den Leser über die nun einsetzende Schilderung des erbarmungslosen Überlebenskampfes der kleinen Familie hinweg. Inmitten von Chaos, Hunger, Armut, Bombenangriffen, Evakuierung und Judendeportation muss sich die schüchterne und verängstigte Ida um ihren Kleinsten kümmern. Sie tut dies mit übermenschlicher Aufopferung. Nino, in der Jugend ein nicht unsympathischer Faschist, wird im Verlauf des Krieges zum risikofreudigen und engagierten Partisan. Immer wieder kommt er aus dem Kampfgebiet zu seiner evakuierten Familie nach Rom zurück und beschert  sowohl Ida als auch seinem kleinen Bruder Giuseppe kurze, aber intensive Momente des Glücks.

Die eindrücklichste Figur in diesem Epos des Krieges ist Giuseppe. Obwohl er in seiner Entwicklung zurückliegt und unter denselben Epilepsieanfällen wie seine Mutter leidet, entwickelt er eine ihm eigene Intelligenz. Hochsensibel und in einer nur Kinder eigenen Gutmütigkeit und Unschuld erleidet und beobachtet er die Grausamkeit des Krieges aber auch die absurdesten Handlungen von durch Armut und Schmerz traumatisierten Menschen. Gerade in diesen Beobachtungen des Wahnsinns und des Elends entfaltet sich Elsa Morantes Schreibkunst am eindrücklichsten. Das Leid ist unfassbar, aber der Alltag geht weiter: Ida und all die andern, die im von deutschen Truppen besetzten Rom ums Überleben kämpfen, müssen Nahrung, Kleidung und Unterkunft organisieren. Die Autorin beschreibt diese täglichen Herausforderungen, die Solidarität unter den Menschen, aber auch egoistische Schlauheit und schurkisches Handeln der römischen Bevölkerung. Zusammengepfercht in kleinsten Refugien witzeln und spotten sie, weinen, umarmen sich und geben sich Trost. Giuseppe ist ein eifriger und unschuldiger Beobachter dieser Geschehnisse. In Begleitung seiner Hündin Bella trippelt er durch die überfüllten Asyle und zerbombten Quartiere, vorbei an Baracken und improvisierten Unterständen in den Aussenquartieren der Stadt. Durch die Augen Giuseppes gibt Morante den Blick frei auf das Los all der vom Krieg geschundenen Menschen. Als Leser ist man erschüttert. Ein universeller Schmerz, durch keine philosophische oder politische Überzeugung wegzumachen, legt sich wie eine erstickende Decke über die menschliche Existenz.

Die Figur des kleinen Giuseppe ist zentral in der Erfahrungswelt von Elsa Morante. Unschuldig und zu keiner bösen Tat fähig, steht er in der Welt des Schmerzes, scheinbar immer glücklich und alles fraglos hinnehmend. Er ist nicht menschlich, sondern engelsgleich. Giuseppe Felice Angiolino wird die Grausamkeit der Welt nicht überstehen. Die Autorin erlaubt dem Leser also keine Hoffnung und alles folgt einer brutalen Sinnlosigkeit. Zahlreiche Seitenstränge führen den Leser auch aus Rom und von Idas Kleinfamilie weg in die Berge, wo die Partisanen töten und sterben, oder in die zugefrorenen Steppen Russlands, wo die Soldaten erfrieren. Die Erzählung wird von einem historischen Kontext eingeleitet und begleitet. Darin stehen Fakten und Daten in ihrer historischen Abfolge, gefühlslos und kalt. Im narrativen Teil werden die Menschen in einen Strudel von Ereignissen hinein gestossen und ein Entrinnen aus diesem sinnlosen Chaos ist unmöglich. Es ist dies die Schilderung eines Skandals: Gemäss Morantes Überzeugung gibt es innerhalb der Geschichte keine Rettung. Man spürt in ihrem Fabulieren zwar den Hang zum Pazifismus und der Anarchie und ihr Herz gehört den Geschundenen. Nur: Es sind alle Menschen Leidende, das Opfer wird zum Täter und umgekehrt. Niemand entrinnt der grossen Qual. Morantes Stimme ist das Ich eines anonymen Erzählers. Er schildert vorurteilslos die Geschehnisse und legt Zeugnis ab vom Schmerz der Welt.

Die Lektüre von La Storia hat mich aufgewühlt, mehr noch als vor über vierzig Jahren, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Ich glaube immer noch an die Machbarkeit einer besseren Welt durch politisches Handeln. Morantes Vision einer Gesellschaft , aus der die Ungerechtigkeit und das Leid nicht verbannt werden können, hat mich sowohl nachdenklich gemacht als auch verstört. Angela Willimann

Klappentext:

La Storia ist in Elsa Morantes berühmtesten Roman als "Geschichte" im doppelten Sinne des Wortes zu verstehen: als Fiktion und Menschheitsgeschichte. In Rom erleben die verwitwete Lehrerin Ida und ihre beiden gegensätzlichen Söhne den Faschismus, die Verfolgung der Juden, den Krieg und die Nachkriegszeit. Nino, der Ältere, der sich vom halbwüchsigen Rowdy zum Partisanen und Schwarzmarktgauner entwickelt, ist ein Taugenichts. Sein Bild tritt zurück hinter der leuchtenden Gestalt des kleinen Bruders Giuseppe, dem jedoch kein langes Leben beschieden ist. Doch "Useppes" seltsame Frühreife verleiht ihm eine grössere Kraft der Erkenntnis als vielen anderen, die blind durch die Geschichte in einem ihrer grausamsten Augenblicke gehen. In La Storia breitet Elsa Morante das unvergleichliche und unverwechselbare Leben jener Unschuldigen aus, nach denen die Historie niemals fragt.

Einer der grössten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts.

Über die Autorin / über den Autor:

Elsa Morante, geboren 1918 in Rom und 1985 dort gestorben, schrieb Romane, Erzählungen, Lyrik und Kinderbücher. La Storia war neben Tomasi di Lampedusas Der Leopard und Umberto Ecos Der Name der Rose der grösste italienische Bestseller der letzten Jahrzehnte.

Preis: CHF 22.90
Sprache: Deutsch (aus dem Italienischen von Hannelise Hinderberger)
Art: Taschenbuch
Erschienen: 2015 (1974)
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-26380-1
Masse: 715 S.

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