Kamel Daoud

Zabor

Zabor kommt in Aboukir, einer kleinen Stadt in Algeriens Wüste zur Welt. Seine Mutter wurde kurz nach seiner Geburt von seinem Vater verstossen und ist zu ihrer Familie zurückgekehrt. Als sie bald darauf starb, hat deren Familie den kleinen Jungen zu seinem Vater geschickt. Doch nach einem Vorfall zwischen Zabor und dessem Halbbruder lebt Zabor bei seiner unverheirateten Tante und seinem stumm gewordenen Grossvater fern vom väterlichen Hof im Zentrum der Stadt. Zabor ist blitzgescheit und saugt insbesondere das Lesen und Schreiben in der Schule in einem unheimlichen Tempo in sich auf. Doch bald verunmöglichen ihm unerklärte Ohnmachtsanfälle und Panikattacken den Schulbesuch. Weder Talismane noch die Koranschule führen langfristig  zur erwünschten Verbesserung seines Zustandes. Doch dann stösst Zabor auf alte französische Romane, die ihm eine neue Welt zu entdecken erlauben und die Kraft der Sprache, des Erzählens und des Schreibens kennenzulernen. Bald führt er Buch über jeden einzelnen Bewohner der Kleinstadt und verlängert durch diese Erzählungen ihre Leben. Als er dann an das Totenbett seines Vaters gerufen wird, erzählt er in einem kraftvollen Aufbäumen gegen dessen Tod seine eigene Geschichte und die Geschichte seiner Gabe.

Eigentlich ist die Sprache die Protagonistin dieses Romans. Die Sprache, die ermöglicht, Dinge zu benennen, Dinge und Ereignisse in eine Kohärenz zu setzen, Geschehenes nicht zu vergessen, eine Identität zu schmieden und sich seiner selbst zu vergewissern. Sinnigerweise ist der heimliche Held der Geschichte Poll, der Papagei, den Robinson Crusoe auf seiner Insel einen Satz zu sprechen gelehrt hat. Vieles klingt an in diesem Text über die Sprache, das Schreiben, heilige Sprachen, Kolonialsprachen, Alltagssprachen. Da ist neben der Aneignung der Sprache der Kolonialisten auch die Kontrolle und Limitierung der Sprache durch die Religion, das eigene Verständnis des in der Welt Seins, das durch die Sprache, die einem zur Verfügung steht, bestimmt ist, und letztendlich die Sprache und das Schreiben, die das Sein aus dem puren Dasein herauslösen. 

Der Roman ist in einer sehr elaborierten Sprache gehalten, mit wunderbaren Bildern und Metaphern gespickt. Es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, den Text zu geniessen und in seiner Vielschichtigkeit und seinem Reichtum aufzunehmen. Er ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für das Erzählen, die Fantasie und das Benennen der Dinge, wie sie sind! cn

Klappentext:

In seinem zweiten Roman erforscht Kamel Daoud, der für sein Debüt Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung von Kritik und Publikum international gefeiert wurde, das menschliche Dasein mit den Methoden aus Tausendundeiner Nacht. Eine grosse Parabel über die Macht des Erzählens und des Erzählers.

Ismaël, der sich selbst Zabor nennt, verliert früh seine Mutter. Der Vater verstösst ihn, Stiefmutter und Halbgeschwister wollen das Kind nicht im Haus haben. Zabor wächst bei seiner altjüngferlichen Tante und dem stummen Grossvater auf. Trost und Zuflucht findet er in der Literatur, er verschlingt alles, was er in die Finger kriegen kann. Viel ist das jedoch nicht in einem algerischen Dorf, das im Süden bereits an die Sahara grenzt, und so beginnt Zabor, seine eigenen Geschichten zu schreiben und entdeckt dabei schon früh ein besonderes Talent: Er hat die Gabe, das Leben von Sterbenden zu verlängern. So lange er über die Leute schreibt, so lange hält er den Tod auf Abstand. Wenn der Arzt und das Heilige Buch nicht mehr helfen können, dann holt man Zabor. So auch, als eines Tages sein Vater im Sterben liegt.

Kamel Daoud hat einen bildstarken und kraftvollen Roman geschrieben: Über Heimat und Familie, über die Macht der Religion und über die grosse Liebe zur Literatur, die alles sein kann, Unterdrückungsinstrument genauso wie Mittel zur Befreiung.

Hier eine Rezension von Angela Schader in der NZZ.

Über die Autorin / über den Autor:

Kamel Daoud, Jahrgang 1970, arbeitete lange als Journalist für den Quotidien d'Oran und andere Zeitungen. Heute lebt er als Schriftsteller mit seiner Familie in Oran. Für seinen ersten Roman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung wurde er u.a. mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Zabor ist sein zweiter Roman.

Preis: CHF 29.90
Sprache: Deutsch (aus dem Französischen von Claus Josten)
Art: Gebundenes Buch
Erschienen: 2019 (2018)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05202-2
Masse: 384 S.

zurück