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Kulturnotizen Ägypten

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English Version

Frauen, Kameras und Kreativität

Im Oktober 2018 verliess uns eine der Ikonen des ägyptischen Dokumentarfilms, Atteyat El Abnoudy. Sie war stark vom «Dritten Kino» in Lateinamerika beeinflusst gewesen und brachte Elemente dieser Bewegung in die Region. Atteyat El Abnoudy, die früher mit dem Dichter Abdel Rahman El Abnoudy verheiratet gewesen war, machte sich einen Namen durch ihre poetischen Bilder von Gemeinschaften aus ganz Ägypten, viele von diesen ökonomisch und sozial marginalisierte Gruppen. Mit ihren Bildern bewahrte sie die Würde und Anmut der gezeigten Menschen, während sie gleichzeitig die strukturellen Ungleichheiten im sozio-ökonomischen System aufzeigte.

Während der auf ihren Tod folgenden Monate zeigten zahlreiche kulturelle Institutionen, FilmliebhaberInnen und VertreterInnen der kulturellen Szene Retrospektiven ihres Werkes. Obwohl Atteyats Werk vom ägyptischen Mainstream-Kino weitgehend ignoriert wurde, ist sie unter der jüngeren Generation von angehenden FilmemacherInnen sehr bekannt – war sie doch eine der ersten Frauen, die sich einen Platz als Dokumentarfilmerin in Ägypten erobert hatte.

Letzten Dezember meldete ich mich auf eine Einladung für die Teilnahme an einem Workshop für Kreativen Dokumentarfilm. Er wurde vom Internationalen Frauen Film Festival Kairo organisiert, das von der gefeierten Regisseurin Amal Ramsis gegründet worden war. Der Workshop versprach fünf Monate praktischen Trainings.

Als unabhängige Journalistin habe ich bis jetzt hauptsächlich mit Texten gearbeitet, bin aber daran interessiert, eine stärkere visuelle Sprache in meine Arbeit hineinzubringen. Als Frau sehe ich zudem viele Lücken bei den Bildern, die in den Unterhaltungsmedien wie auch im Tagesjournalismus veröffentlicht werden. So ist es beispielsweise äusserst selten, dass bei einer Liebesgeschichte die Perspektive der Frau auf sensible Art und Weise behandelt wird, dass ihr Glück und ihr Genuss gezeigt wird. Wir Frauen sind meistens Opfer oder Femmes fatales oder beides – aber selten einfach Menschen. 

Bis jetzt war dieser Workshop eine überwältigende, aber sehr inspirierende Reise, die ich gemeinsam mit meinen Mitstudentinnen unternehmen konnte. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus Bildung, Medien, Ingenieurswesen, Literatur, Architektur und Politikwissenschaften. In der 5. Woche des Workshops diskutierten wir darüber, welche Art von Bildern die Welt braucht, Ägypten braucht, wir brauchen. Als Gruppe waren wir uns einig, dass wir Bilder von Frauenkörpern brauchen. «Ich möchte eine Frau sehen, die ihre dunkle haarige Vagina im Spiegel betrachtet.» Und «wir wollen Familien sehen, nicht die perfekten TV-Familien, sondern Menschen in ihrer gesamten Komplexität, ihrer Wärme und auch mit ihren Dysfunktionen.»

Im Workshop übten wir den Umgang mit unseren Kameras, indem wir viele Aspekte unseres Lebens als junge Frauen in Kairo erforschten. Das ging von unseren Erfahrungen mit Liebe und Kummer in der Stadt bis zu den Familien, die wir mit unseren Wohnpartnerinnen und Haustieren gründeten. In unserer Gruppe von jungen Frauen, die alleine in der höhlenartigen Stadt leben, kristallisierte sich fast organisch ein gemeinsames Thema heraus: Mutterschaft. Vielleicht ist das zu erwarten von einer Gruppe junger Frauen, die sich in einem Alter befinden, wo viele die Beziehungen zu ihren eigenen Müttern überdenken. Eine Frau aus unserer Gruppe erzählte, dass sie ihre Mutter erst verstanden hat, nachdem sie ihre eigene Erfahrung mit Ehe und Scheidung gemacht hatte. Eine andere wieder erklärte, dass sie den Händen, die sie und ihre fünf Geschwister grossgezogen hatten, während der Vater im Ausland arbeitete und lebte, Anerkennung zollen will. 

Diese Monate des gemeinsamen Lernens, die vielen, vielen salzigen Kartoffelchips und Coleslaw-Salate, das Herauswagen auf die Strasse und das Teilen von schwierigen Erfahrungen ebenso wie das viele Gelächter haben eine tiefe Beziehung zwischen uns elf Workshop-Teilnehmerinnen und unseren Lehrerinnen geschaffen. Inzwischen sind wir in der Phase des Filmens angelangt, und auch wenn wir keine Vaginas auf den ägyptischen Filmleinwänden sehen werden, scheint es uns gerade jetzt sehr passend, dass die ersten Filme, die wir machen, der Frau gewidmet sind, die uns zur Welt gebracht hat. 

Dies wiederum trifft mit dem Angedenken an das Lebenswerk derjenigen Frau zusammen, die so viel dazu beigetragen hat, Frauen auf die Leinwand zu bringen und deren Stärke und Schönheit zu feiern: Atteyat El Abnoudy.

 

Und hier ein Link zum Film Horse of Mud von Atteyat El Abnoudy.


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Filmen vor Ort in Alexandria, © Jocelyn Abi Gebrayel