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Kulturnotizen aus Marseille

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Wissen Sie, Madame, wegen dem Streik ...

Marseille war die Destination meiner Träume, lange bevor la cité phocéenne 2013 zur Kulturhauptstadt Europas auserkoren wurde und einen Ansturm von Touristen auslöste. Deshalb habe ich mich auch entschieden, mir – fernab von Lärm, blau-weissen Tuckerbähnchen und endlos langen Schlangen vor den Ticketschaltern am Vieux-Port – eine ruhige Bleibe für meine zeitweiligen Atempausen im provenzalischen Süden zu suchen. Möglichst nahe am Meer wollte ich mich niederlassen, im Wissen, dass mich die täglichen Kraxeleien in den Felsen der Calanques über mögliche Einsamkeitsgefühle hinwegzutrösten vermögen. Schwer gefallen ist mir die Entscheidung nicht. Es zog mich schon immer nach Les Goudes, ins kleine Hafenstädtchen am Ende der Welt, wie einige Stadtmenschen zu sagen pflegen, obwohl der Ort im 8. Arrondissement noch zur Stadt Marseille gehört. Kennengelernt habe ich diesen Ort vor mehr als zehn Jahren bei meinem allerersten Besuch in Marseille. Damals trug ich als Einstimmung für den Stadtbesuch die Lektüre der Trilogie von Jean-Claude Izzo bei mir, die Kriminalromane Total CheopsChourmo und Solea mit Izzos Helden Fabio Montale, Polizist wider Willen, der einsam gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, in Marseille lebt und in Les Goudes mit seinem Boot zum Fischen rausfährt, um seine Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens zu besänftigen. Am Ende war es die Lektüre von Izzo, die meine Sturheit zementierte, genau hier wohnen zu wollen. So behause ich zurzeit ein kleines Cabanon, eines dieser kleinen, zweietagigen Fischerhäuschen an der Hauptstrasse, die nach Callelongue führt, dessen kleiner Fischerhafen den Beginn des Nationalparks der Calanques markiert.

Bereits im Herbst war mir klar, dass ich meinen Geburtstag in Marseille feiern möchte und ganz beglückt über die vielen Zusagen konnte ich mein Lieblingsrestaurant auf dem Cours Julien, angesagte Partymeile im Zentrum der Stadt, für das Geburtstagsessen in grosser Runde reservieren, derweil meine Freundinnen und Freunde vorzeitig ihre Plätze im TGV und ihre Hotelzimmer gebucht haben. Zur Einstimmung in das festive Wochenende sollten die Anreisenden von einem Picknick am Meer profitieren können. Bereits anfangs Dezember berichteten dann die Medien, dass in ganz Frankreich wegen Emmanuel Macrons geplanter Rentenreform – die Regierung möchte das unüberschaubare Rentengeflecht für verschiedene Berufsgruppen in ein einheitliches System überführen – Generalstreiks in grossem Umfang bevorstehen. Unter anderem würden auch die SNCF und der ganze Bahnverkehr davon betroffen sein. 

Um den Informationsaustausch untereinander zu sichern, habe ich uns allen im Oktober einen WhatsApp-Chat eingerichtet. Schon alleine dieser Chatverlauf bis zur Rückreise in die Schweiz ergäbe eine kleine, aber feine Kurzgeschichte. Die ganze Palette von Emoticons kam darin vor; alle fanden individuelle Zeichen für ihren aktuellen Gemütszustand: Betende Hände, hochrote Köpfe, Lachsalven, Teufelchen und weinende Gesichter, denn am Ende haben es infolge des anhaltenden Streiks tatsächlich nicht alle in die Provence geschafft. Täglich erreichten uns neue Schreckensmeldungen der französischen Bahngesellschaft, die Züge für den Fernverkehr ersatzlos ausfallen liess. Die einen haben sich noch ein Plätzchen im Flixbus ergattert, die anderen entschieden sich für einen stundenlangen Schwatz im BlablaCar, die Nachhut musste dann aufs eigene Auto ausweichen. Kurz – ein unvergessliches Abenteuer mit Hoch und Tiefs, aber gefeiert wurde dann umso ausgiebiger.

Natürlich wurde in diesen Wochen heftig über die Streikkultur Frankreichs debattiert. Gerade in der Schweiz fragen wir uns, warum sich Bürger und Bürgerinnen nicht mit den Mannen und Frauen der Regierung an einen Tisch setzen, um gemeinsam Lösungen für anstehende Probleme zu finden. Nicht selten werden ja die streikenden Gallier als faules, stures und nur auf die eigenen Vorteile bedachtes Volk beschimpft, denen es nur darum geht, die eigenen Privilegien mit der Brechstange zu verteidigen. Dieser Einstellung kann ich mich nicht anschliessen, denn die französische Bevölkerung profitiert nicht von den Mitteln einer direkten Demokratie. Emmanuel Macron bestimmt und entscheidet mit seinem Kabinett häufig autoritär, ohne dass Vorlagen in einer Abstimmung vors Volk kommen. Mag sein, dass uns eine Pension bei den Eisenbahnern ab 55 inklusive ansehnlichen Privilegien übertrieben vorkommt (Beschäftigte in der Privatwirtschaft lassen sich durchschnittlich erst mit 63 pensionieren, und die Renten liegen mit dem französischen Mittel von 1'422 Euros tiefer als bei den Sonderrentenkassen), einverstanden, gewisse Reformen in Bezug auf Sonderregelungen von Staatsangestellten sind wohl unvermeidlich, aber meiner Meinung nach in Absprache mit den Betroffenen zu vollziehen. 

Ausserdem – Streiken gehört ganz einfach zur politischen Kultur Frankreichs. Selbst die bürgerlichen, nicht nur die linken Parteien sind den Streiks gegenüber offen eingestellt! Die Akzeptanz für Massenproteste in Frankreich ist hoch, und man organisiert sich in den Grossstädten eben entsprechend. Wenn in Paris weder Busse noch Metro fahren, radeln die Einwohner*innen mit ihren Velos zur Arbeit und organisieren sich in Mitfahrgemeinschaften. Wenn die Gewerkschaften ihre Mitglieder für einen nationalen Massenstreik mobilisieren, geht es prinzipiell um ein Kräftemessen zwischen Bürgern und Regierung, denn erst wenn die Gewerkschaften in Frankreich Macht demonstrieren, werden die Sozialpartner von der Regierung an einen Tisch für Gespräche eingeladen und können ihre Forderungen konkret anbringen. Bei uns in der Schweiz setzen sich Arbeitende und Parlamentarier*innen von Anfang an zusammen, wenn Reformen anstehen. Kann keine Lösung gefunden werden, dann wird gegebenenfalls demonstriert oder in ganz seltenen Fällen auch einmal gestreikt. Tja, und in Frankreich läuft das eben genau umgekehrt. 

Kennengelernt habe ich diese französische Lebensart in Marseille vor zwei Jahren, als ich, wie jeden Morgen, an der Bushaltestelle am Platz Jean-Jaurès auf den Bus 74 gewartet habe, der mich an die Alliance Française bringen sollte, wo ich meine Sprachkurse belegte. Wartend beobachtete ich das rege Treiben der Händler an den Marktständen auf La Plaine, bis ich von einer freundlichen, älteren Dame darauf aufmerksam gemacht wurde, dass heute kein Bus fährt – Wissen Sie Madame, wegen dem Streik ... Das Wort la grève gehörte damals noch nicht zu meinem Wortschatz. Ich kam, wie viele andere unserer Gruppe, zu spät zum Unterricht, und unser Lehrer klärte uns dann auf. Seit jenem Tag habe ich mich fortan rechtzeitig informiert, wann wieder gestreikt wird – oft mindestens einmal in der Woche! Am Nachmittag wollte ich mir dann selber ein Bild von den protestierenden Einwohner*innen Marseilles machen. Obwohl ich in der Schweiz auch schon an Demos teilgenommen habe, war ich überwältigt, mit welcher Leidenschaft und mit welcher Wortgewalt auf den Bannern die Menschen auf ihrem Marsch auf der Canebière in Richtung Cours Lieutaud ihrem Unmut freien Lauf lassen. Wahrlich ein lautstarkes und robustes Auftreten von Arbeitern und Arbeiterinnen im öffentlichen Verkehr, in den Spitälern und im Bildungswesen. 

Wenn man hier lebt, dann entwickelt man ein gewisses Verständnis für diese Streikkultur und regt sich darüber nicht mehr auf. Natürlich, wenn man selbst davon betroffen ist, dann sieht das Ganze wieder anders aus. Ganz gebannt erkundige ich mich täglich, ob mein Zug am darauffolgenden Sonntag fährt und mich in die CH transportiert. Denn ganz ehrlich, ich möchte die Weihnachtstage gerne in Zürich verbringen und hoffe ganz einfach, die Syndikate mögen eine kleine Verschnaufpause einlegen. Denn ob sich Macron kompromissbereit zeigt, steht nach 14 Tagen Streik noch in den Sternen ...


Bild 1:I

Les Goudes © Connie Leu

Bild 2:I

Canebière, Oktober 2017 © Janine Köchli