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Kulturnotizen aus Marseille

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Meeresbrise oder Courant normal?

Mitte März wählte das französische Volk in allen Städten und Gemeinden die Delegierten auf kommunaler Ebene in zwei Wahlgängen – und anschliessend das oberste Organ der Stadt – den Bürgermeister oder die Bürgermeisterin. Anlässlich dieser Municipales 2020 liegt mir am Herzen, der Ereignisse vom 5. November 2018 zu gedenken. Aber der Reihe nach ... 

In Marseille sitzt bekanntlich Monsieur Jean-Claude Gaudin (die bürgerlich-konservativen Les Républicains, sprich die ehemalige Sarkozy-Partei) seit 1995 im Sessel der Mairie. Für ein fünftes Mandat stellt er sich nach 25 Jahren der Regentschaft nicht mehr zur Verfügung und macht so den Ausgang der Wahlen spannender als auch schon. Wer wird also neuer Bürgermeister oder neue Bürgermeisterin der zweitgrössten Stadt Frankreichs? Ich persönlich würde mich über die Wahl von Samia Ghali (mit ihrer eigens für die Wahlen gegründeten Bewegung Marseille avant tout) freuen, weil sie für mich die Hoffnung auf eine erfrischende Meeresbrise in Marseille verkörpert. Denn diese Wahl lässt sich nicht von den Ereignissen der letzten Monate trennen. Ereignisse, die die Bewohner und Bewohnerinnen Marseilles tief erschüttert und nachhaltig die Einstellung gegenüber den Politikmachenden verändert haben. 

Rue d’Aubagne in Noailles, dem Quartier im Herzen Marseilles, am 5. November 2018: Zwei Gebäude stürzen zu früher Morgenstunde in sich zusammen und reissen acht Menschen in den Tod. 10'000 Personen gehen auf die Strasse und verleihen ihrem Schmerz und ihrer Wut Ausdruck. Denn diese Katastrophe trägt die Handschrift von einer Stadtpolitik, die seit Jahren unter den Strukturen von Korruption und Günstlingswirtschaft leidet. So sehr ich diesen Ort ins Herz geschlossen habe, gewisse Gegebenheiten lassen sich nicht überschminken. Das Zentrum der mediterranen Kapitale der Provence vergammelt. Denn die Wohnraumpolitik wird seit Jahrzehnten unentschuldbar vernachlässigt – und dies seit Jahren mit System, was sich simpel in etwa so resümieren liesse: Baufällige Gebäude in populären Quartieren der Stadt verrotten lassen, aufkaufen und dann luxussanieren! Statt sich dem dringlichen, sozialen Wohnbau zu widmen, war es Monsieur Gaudin in persona, der öffentlich preisgab, dass er Leute in diesen Vierteln wolle, die Steuern bezahlen. Kurz, Marseilles Innenstadt soll finanzkräftig und bourgeoise sein. Es sei mir verziehen, liebe Leser und Leserinnen, aber bei Gaudins Worten streift eine haarsträubende Wortschöpfung meine Gedanken – maghrebgesäubert. Denn schliesslich ist gerade Noailles mit seinem multikulturellen Markt das Herzstück Marseilles. Entstanden nach der Französischen Revolution war dieses Quartier seit jeher eine Heimat für die kleinen Leute und für die Eingewanderten des Maghrebs. Im Prozess der Gentrifizierung betreiben hier Quartierwucherer ihre skrupellosen Geschäfte, indem sie der ärmeren Bevölkerung baufällige und gesundheitsschädliche Dreckslöcher vermieten und daraus Profit schlagen. Darunter lassen sich durchaus auch Privateigentümer finden, die zu Gaudins Partei- und Freundeskreis gehören und als gewählte Politiker den ganzen Filz um Architekten, Bauunternehmer, Investoren und weitere Subunternehmer vorantreiben. Gewissermassen Wahlstimmen gegen Vergabe von Bauvorhaben.

Aufgewühlt hat mich aber vor allem die Tatsache, dass das Bürgermeisteramt bereits 2014 von Bauexperten über die Baufälligkeit der Häuser an der Rue d’Aubagne informiert wurde. Weitere Warnungen erfolgten seitens der Mieter und Mieterinnen gar eine Woche vor diesem folgenschweren Einsturz! Bewohner und Bewohnerinnen diverser Unterkünfte in der Stadt haben Privatbesitzer und die lokalen Behörden immer wieder auf Fassadenrisse, Zeichen von Gebäudesenkung oder auf von der Decke losgelöste Mauerstücke hingewiesen. Allenfalls wurde auf die Schnelle etwas notdürftig repariert mit der Antwort: ça va aller ... das geht schon, keine Sorge. Nach dieser Katastrophe im November ergreift dann die Verantwortlichen der lokalen Regierung doch die Panik. Und im Zeitraum eines Jahres werden wegen akuter Gefahr vor weiteren Zusammenbrüchen Hunderte von Gebäuden gesperrt und Eingangstüren mit Brettern zugenagelt. Über 3'000 Menschen werden in der Folge evakuiert, ohne ein angemessenes Zeitfenster, um das Wichtigste zusammenzupacken. Sie werden temporär in Hotels oder in abgelegenen Wohnungen untergebracht. Eine Vielzahl dieser Betroffenen, die von heute auf morgen ihr Hab und Gut verloren haben, konnten bis heute noch keine zumutbare Bleibe finden. Und die wenigen Personen, die nach Entwarnung in ihre Wohnungen zurückkehren durften, fanden zerstörte Möbel vor oder, im schlimmsten Falle, gar nichts mehr, weil eingebrochen wurde oder die Räume von Heimatlosen besetzt worden waren. Aus Angst vor weiteren Einstürzen hat die Stadt in einer Kettenreaktion auch in vielen anderen populären Quartieren (mit populär meine ich zahlbaren Wohnraum für alle) wie La Belle de mai, La Plaine oder gar im für die Touristen à la va-vite aufgemotzten Panier, Strassen abgesperrt und vom Durchgangsverkehr komplett isoliert. Der Zugang zu Strom und Wasser wurde oftmals ohne Vorwarnung gekappt, was auch für das lokale Kleingewerbe verheerende Folgen hatte: Gastro- und andere Dienstleistungsbetriebe, die von der Laufkundschaft lebten, mussten schliessen. Der prekäre Zustand im Wohnwesen führte nicht wenige Einzelunternehmen also auch in den wirtschaftlichen Ruin. Aber die Stadtlenker kümmern sich mit Hingabe lieber um die äussere Aufwertung, um das Image der Stadt aufzupolieren. Eifrig werden zur Zeit Fassaden in angesagten Quartieren neu gestrichen, derweil andere Strassen seit vielen Monaten unzugänglich bleiben, um weitere Tragödien zu vermeiden.

Wie wählen nun wohl die systemfrustrierten Marseiller*innen? Aussichtsreichste Kandidatin für den Sessel der Mairie ist Mme Martine Vassal, Gaudins langjährige rechte Hand und bevorzugte Nachfolgerin für sein Amt. Nach dem ersten Wahlgang allerdings führt nun trotz anderer Prognose Mme Michèle Rubirola, die Kandidatin von Le Printemps marseillais (eine Koalition der Linken unter der Führung der Grünen). An dieser Stelle sei vermerkt, dass der zweite Wahlgang vom 22. März 2020 auf unbestimmte Zeit verschoben wird, weil mit dem Covid-19 nicht nur in Frankreich, sondern auf dem ganzen Globus alles zum Erliegen gekommen ist, und sich alle Staaten im Ausnahmezustand befinden. 

Dessen ungeachtet denke ich an die Opfer vom 5.11.18 und an ihre Angehörigen. Möge das Wahlergebnis eine neue Garde an Volksvertretern und Volksvertreterinnen in die Pflicht nehmen, damit sie die prekären Zustände im Wohnungswesen und den lokalpolitischen Klientelismus bekämpfen und damit den Courant normal der letzten Jahrzehnte durchbrechen. Marseille ist eine anziehende und aufregende Stadt, wenn aber unter der touristischen Attraktivität ihre durchmischte, weithin verarmte Bevölkerung in den Innenstadtvierteln leiden muss, zerbröselt ihr Ansehen. Die Betroffenen haben sich nach dem Drama an der Rue d’Aubagne aus Protest im Collectif 5 novembre neu organisiert und ihre Forderungen für ein würdiges Wohnen in einem Manifest festgehalten. Sie werden nicht lockerlassen, denn die Familien der Opfer und alle Dislozierten warten auf Gerechtigkeit und in erster Linie auf greifende Massnahmen.

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Wissen Sie, Madame, wegen dem Streik ...

Marseille war die Destination meiner Träume, lange bevor la cité phocéenne 2013 zur Kulturhauptstadt Europas auserkoren wurde und einen Ansturm von Touristen auslöste. Deshalb habe ich mich auch entschieden, mir – fernab von Lärm, blau-weissen Tuckerbähnchen und endlos langen Schlangen vor den Ticketschaltern am Vieux-Port – eine ruhige Bleibe für meine zeitweiligen Atempausen im provenzalischen Süden zu suchen. Möglichst nahe am Meer wollte ich mich niederlassen, im Wissen, dass mich die täglichen Kraxeleien in den Felsen der Calanques über mögliche Einsamkeitsgefühle hinwegzutrösten vermögen. Schwer gefallen ist mir die Entscheidung nicht. Es zog mich schon immer nach Les Goudes, ins kleine Hafenstädtchen am Ende der Welt, wie einige Stadtmenschen zu sagen pflegen, obwohl der Ort im 8. Arrondissement noch zur Stadt Marseille gehört. Kennengelernt habe ich diesen Ort vor mehr als zehn Jahren bei meinem allerersten Besuch in Marseille. Damals trug ich als Einstimmung für den Stadtbesuch die Lektüre der Trilogie von Jean-Claude Izzo bei mir, die Kriminalromane Total CheopsChourmo und Solea mit Izzos Helden Fabio Montale, Polizist wider Willen, der einsam gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, in Marseille lebt und in Les Goudes mit seinem Boot zum Fischen rausfährt, um seine Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens zu besänftigen. Am Ende war es die Lektüre von Izzo, die meine Sturheit zementierte, genau hier wohnen zu wollen. So behause ich zurzeit ein kleines Cabanon, eines dieser kleinen, zweietagigen Fischerhäuschen an der Hauptstrasse, die nach Callelongue führt, dessen kleiner Fischerhafen den Beginn des Nationalparks der Calanques markiert.

Bereits im Herbst war mir klar, dass ich meinen Geburtstag in Marseille feiern möchte und ganz beglückt über die vielen Zusagen konnte ich mein Lieblingsrestaurant auf dem Cours Julien, angesagte Partymeile im Zentrum der Stadt, für das Geburtstagsessen in grosser Runde reservieren, derweil meine Freundinnen und Freunde vorzeitig ihre Plätze im TGV und ihre Hotelzimmer gebucht haben. Zur Einstimmung in das festive Wochenende sollten die Anreisenden von einem Picknick am Meer profitieren können. Bereits anfangs Dezember berichteten dann die Medien, dass in ganz Frankreich wegen Emmanuel Macrons geplanter Rentenreform – die Regierung möchte das unüberschaubare Rentengeflecht für verschiedene Berufsgruppen in ein einheitliches System überführen – Generalstreiks in grossem Umfang bevorstehen. Unter anderem würden auch die SNCF und der ganze Bahnverkehr davon betroffen sein. 

Um den Informationsaustausch untereinander zu sichern, habe ich uns allen im Oktober einen WhatsApp-Chat eingerichtet. Schon alleine dieser Chatverlauf bis zur Rückreise in die Schweiz ergäbe eine kleine, aber feine Kurzgeschichte. Die ganze Palette von Emoticons kam darin vor; alle fanden individuelle Zeichen für ihren aktuellen Gemütszustand: Betende Hände, hochrote Köpfe, Lachsalven, Teufelchen und weinende Gesichter, denn am Ende haben es infolge des anhaltenden Streiks tatsächlich nicht alle in die Provence geschafft. Täglich erreichten uns neue Schreckensmeldungen der französischen Bahngesellschaft, die Züge für den Fernverkehr ersatzlos ausfallen liess. Die einen haben sich noch ein Plätzchen im Flixbus ergattert, die anderen entschieden sich für einen stundenlangen Schwatz im BlablaCar, die Nachhut musste dann aufs eigene Auto ausweichen. Kurz – ein unvergessliches Abenteuer mit Hoch und Tiefs, aber gefeiert wurde dann umso ausgiebiger.

Natürlich wurde in diesen Wochen heftig über die Streikkultur Frankreichs debattiert. Gerade in der Schweiz fragen wir uns, warum sich Bürger und Bürgerinnen nicht mit den Mannen und Frauen der Regierung an einen Tisch setzen, um gemeinsam Lösungen für anstehende Probleme zu finden. Nicht selten werden ja die streikenden Gallier als faules, stures und nur auf die eigenen Vorteile bedachtes Volk beschimpft, denen es nur darum geht, die eigenen Privilegien mit der Brechstange zu verteidigen. Dieser Einstellung kann ich mich nicht anschliessen, denn die französische Bevölkerung profitiert nicht von den Mitteln einer direkten Demokratie. Emmanuel Macron bestimmt und entscheidet mit seinem Kabinett häufig autoritär, ohne dass Vorlagen in einer Abstimmung vors Volk kommen. Mag sein, dass uns eine Pension bei den Eisenbahnern ab 55 inklusive ansehnlichen Privilegien übertrieben vorkommt (Beschäftigte in der Privatwirtschaft lassen sich durchschnittlich erst mit 63 pensionieren, und die Renten liegen mit dem französischen Mittel von 1'422 Euros tiefer als bei den Sonderrentenkassen), einverstanden, gewisse Reformen in Bezug auf Sonderregelungen von Staatsangestellten sind wohl unvermeidlich, aber meiner Meinung nach in Absprache mit den Betroffenen zu vollziehen. 

Ausserdem – Streiken gehört ganz einfach zur politischen Kultur Frankreichs. Selbst die bürgerlichen, nicht nur die linken Parteien sind den Streiks gegenüber offen eingestellt! Die Akzeptanz für Massenproteste in Frankreich ist hoch, und man organisiert sich in den Grossstädten eben entsprechend. Wenn in Paris weder Busse noch Metro fahren, radeln die Einwohner*innen mit ihren Velos zur Arbeit und organisieren sich in Mitfahrgemeinschaften. Wenn die Gewerkschaften ihre Mitglieder für einen nationalen Massenstreik mobilisieren, geht es prinzipiell um ein Kräftemessen zwischen Bürgern und Regierung, denn erst wenn die Gewerkschaften in Frankreich Macht demonstrieren, werden die Sozialpartner von der Regierung an einen Tisch für Gespräche eingeladen und können ihre Forderungen konkret anbringen. Bei uns in der Schweiz setzen sich Arbeitende und Parlamentarier*innen von Anfang an zusammen, wenn Reformen anstehen. Kann keine Lösung gefunden werden, dann wird gegebenenfalls demonstriert oder in ganz seltenen Fällen auch einmal gestreikt. Tja, und in Frankreich läuft das eben genau umgekehrt. 

Kennengelernt habe ich diese französische Lebensart in Marseille vor zwei Jahren, als ich, wie jeden Morgen, an der Bushaltestelle am Platz Jean-Jaurès auf den Bus 74 gewartet habe, der mich an die Alliance Française bringen sollte, wo ich meine Sprachkurse belegte. Wartend beobachtete ich das rege Treiben der Händler an den Marktständen auf La Plaine, bis ich von einer freundlichen, älteren Dame darauf aufmerksam gemacht wurde, dass heute kein Bus fährt – Wissen Sie Madame, wegen dem Streik ... Das Wort la grève gehörte damals noch nicht zu meinem Wortschatz. Ich kam, wie viele andere unserer Gruppe, zu spät zum Unterricht, und unser Lehrer klärte uns dann auf. Seit jenem Tag habe ich mich fortan rechtzeitig informiert, wann wieder gestreikt wird – oft mindestens einmal in der Woche! Am Nachmittag wollte ich mir dann selber ein Bild von den protestierenden Einwohner*innen Marseilles machen. Obwohl ich in der Schweiz auch schon an Demos teilgenommen habe, war ich überwältigt, mit welcher Leidenschaft und mit welcher Wortgewalt auf den Bannern die Menschen auf ihrem Marsch auf der Canebière in Richtung Cours Lieutaud ihrem Unmut freien Lauf lassen. Wahrlich ein lautstarkes und robustes Auftreten von Arbeitern und Arbeiterinnen im öffentlichen Verkehr, in den Spitälern und im Bildungswesen. 

Wenn man hier lebt, dann entwickelt man ein gewisses Verständnis für diese Streikkultur und regt sich darüber nicht mehr auf. Natürlich, wenn man selbst davon betroffen ist, dann sieht das Ganze wieder anders aus. Ganz gebannt erkundige ich mich täglich, ob mein Zug am darauffolgenden Sonntag fährt und mich in die CH transportiert. Denn ganz ehrlich, ich möchte die Weihnachtstage gerne in Zürich verbringen und hoffe ganz einfach, die Syndikate mögen eine kleine Verschnaufpause einlegen. Denn ob sich Macron kompromissbereit zeigt, steht nach 14 Tagen Streik noch in den Sternen ...


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Rue d’Aubagne – die offene Wunde, November 2019 © Connie Leu

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Rue Curiol (La Plaine), November 2019 © Connie Leu

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Canebière, Oktober 2017 © Janine Köchli

Bild 1:I

Les Goudes © Connie Leu