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Kulturnotizen aus Marseille

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Der glitschige Rolland und die geschlossene Madeleine

Die Karstlandschaften hier im Süden Frankreichs begünstigen das Entstehen von unterirdischen Welten. Höhlen und Grotten waren immer schon ein Sammelbecken für Mythen, Symbole und Legenden. Die locken, die verführen. Und da draussen wütet ein Virus, der ist Wirklichkeit, Marseille ist seit den Sommerferien Hotspot, die Zahlen sprechen für sich. Flanieren im Menschengedränge und kulturelle Anlässe sind gerade unpassend. So bleibt der Flirt mit der Natur, der Rückzug auf sich selber und obendrein das Wagnis, Platons Höhlengleichnis neu zu deuten. Das geht so: Die Covidziffern in der Stadt sind bloss Abbild eines höheren Plans, real sind nur die jenseitigen Ideen. Fernab von Gesellschaft und Viren führen mich Erkundungsgänge von Grotten in eine Überwelt, in die platonische Existenz der Wirklichkeit. Nur nicht den Faden verlieren jetzt ...

Bei draussen lähmenden 38 Grad und überfüllten Stränden scheint ein kleiner Ausflug in den schattenspendenden Pastré-Park einladend. Ausserdem gibt es da in der Nähe offenbar eine mysteriöse Grotte. Ich kenne nur ihren Namen und ihre Legende, der zufolge sich der Bandit Rolland, der in Marseille im Mittelalter sein Unwesen trieb, die La Grotte Rolland als Versteck zu eigen gemacht und seine beträchtliche Raubbeute dort deponiert haben soll. Sie befindet sich hinter dem Quartier von Montredon, achter Bezirk, irgendwo in den Hügelzügen von Marseilleveyre. Der Eingang in den Calanques-Nationalpark ist mir bekannt, er liegt gut sichtbar beim Aquädukt des Canal de Marseille. Da stehen wir nun auch, meine Freunde aus Zürich und ich. Vor dem Parkbesuch könnte man ja vorher noch dem Rolland einen Besuch abstatten. Gesagt, getan, unerwartete Abenteuer sind bekanntlich die besten ... oder auch nicht. Denn wir sind nicht wirklich darauf vorbereitet: Bestückt mit Handys, schlechtem Schuhwerk, Rock statt Hose, Hut, Brillen, da bleibt keine grosse Bewegungsfreiheit. Das wird uns spätestens bei der ersten Kletterpartie bewusst. Aber nun gibt es kein Halten mehr, irgendwie bezwingen wir mit Geraunze das erste Hindernis. Ohne voraneilende Ortskundige hätten wir übrigens die Grotte niemals gefunden. Wir wagen uns also hinein in die kühle Dunkelheit, aber schon nach wenigen Metern weicht die Neugier einem Unbehagen. Halbleere Akkus, ohne Licht kämen wir da wohl nie mehr raus. Alleine wollte ich nicht weiter, aber der Drang nach mehr wird mir noch Tage später keine Ruhe lassen. Würde ich den Weg und die Öffnung mit dem imposanten Feigenbaum wiederfinden?

Aber fürs Erste steht La Grotte de Sainte Marie-Madeleine auf dem Plan. Sie zählt über 500'000 BesucherInnen jährlich, denn in Südfrankreich wird Maria Magdalena besonders verehrt. Der Aufstieg zur Pilgerstätte ist eines der beliebtesten Ausflugsziele für Wandervögel und AnhängerInnen der umstrittenen Frauenfigur. Hier in dieser Grotte soll sie vor mehr als 2000 Jahren nach ihrer Ankunft in Marseille dreissig Jahre lang als Eremitin gelebt haben. Irgendwas wird schon dran sein. Päpste, bedeutende Könige und nebenbei bemerkt auch Petrarca waren hier zu Besuch. Zu finden ist die Felshöhle inmitten des Gebirgsmassivs von La Sainte-Baume im Hinterland Marseilles. Die einstündige Fahrt führt über eine Passstrasse (Col de l’Espigoulier) am Dorf von Plan d'Aups vorbei. Ein paar Kilometer weiter gelangt man zur Hôtellerie von Sainte Baume. Obwohl ich mich am Vortag über den Pilgerort informiere, erfahren wir erst vor Ort: Kein Zugang infolge Steinschlag! Die Enttäuschung ist von kurzer Dauer, wir kraxeln trotzdem hoch ins reizvolle Gebirge. Der oberste Punkt des Massivs will bezwungen werden. Zuerst aber tauchen wir ein in diesen orphischen Wald. Hochbejahrte Buchen, Eichen und Eiben formen ein Baumgewirr, umhüllt von Moos und Farn. Ein grünschwarzes, wohlriechendes Pflanzenreich. Kurzes Aufstöhnen, dann auf 900 Metern vor dem Gitter mit dem Hinweis Wegen Gefahr geschlossen. Rechts zweigen wir ab, unbeirrt weiter der Krete des Gipfels Saint-Pilon entgegen, auf dem sich auch die kleine Kapelle befindet. Nach den Strapazen des Aufstiegs staunen wir über diesen betörenden Rundhorizont auf 1000 Metern. Im Norden ragt das Gebirge des Sainte-Victoire in den Himmel und im Süden blicken wir ins dunkle Blau des Mittelmeeres. Flügelschläge von Adlern runden das fast schon unverschämte Naturwunder ab.

Das Innere der Mariengrotte blieb mir zwar verwehrt, aber der Rolland wartet ja noch auf meinen zweiten Besuch. Besser ausgerüstet und natürlich in Begleitung hat unser munterer Tatendrang die Oberhand, weil ich den Weg wiedergefunden habe! Und die Stelle, wo es beim ersten Mal kein Weiterkommen gab, lassen wir ebenfalls bravourös hinter uns. Stellenweise ist die Höhle zwanzig Meter hoch, Gesamtlänge unbekannt. Reste von Stalagmiten sind erkennbar, aber weitgehend beschädigt. Zappenduster ist's und feucht, aber vor allem gefährlich rutschig. Die Schattenspiele der Lampen erzeugen in den Felsformationen Fratzengesichter, im Schummerlicht tänzeln Staubpartikel. Es riecht nach Lehm und Ton, irgendwie modrig. Es wimmelt von unzähligen Gängen, wohl mal ehemalige Wasserläufe. In der schwarzen Stille frage ich mich, wo die Kerze geblieben ist – wie lange können wir hier drin überhaupt atmen? Leben hier Tiere oder gar ...? Mehr für Schrecken sorgende Überlegungen werden beiseitegedrängt, und meine Stirnlampe blinzelt sich in der Schwärze neu zurecht. Immer noch steiler geht's da hinunter, wo weitere Kluften uns zu verschlingen drohen. Keine Profilsohle würde dem glitschigen Boden standhalten. In einer einwandfreien Ski-Hocke oder auf dem Po runtergleiten wäre möglich. Der breite Grottengang bietet allerdings keine Möglichkeit, sich an den Felsen wieder hochzuziehen. Unverantwortlich, dieses Abenteuer fortzusetzen. In der Erkenntnis ein Innehalten. Licht aus, Augen geschlossen. Nichts raschelt, nichts zirpt, nichts knackt, Grottenruhe eben. Welch ein Jammer, keine Raubschätze, kein Ende des Tunnels in Sicht, so nah und doch so fern, aber eben fern. Die Möchtegern-Schatzsuche muss abgebrochen werden. Zugegeben, ich hätte mich vor dem zweiten Besuch schlauer machen können. Vor einigen Jahren gab es offenbar eine Absperrung, die vor steilen Abgründen und Kluften warnten und vor den Innenwänden, die Spuren von giftigem Fledermauskot enthalten können. So ist das, aber ohne Wagnis kein Gewinn. Anschliessendes Sonnenbaden am Phocéen-Strand und ein Pastis bei Sonnenuntergang trösten unsere enttäuschten Forscherherzen.

Überhaupt warten da an der nahen Küste noch weitere Meereshöhlen auf mich. So setze ich mich zur Wehr gegen die covidsche Aussenwelt und entwerfe mir auf Streifzügen ins Blaue eine eigene Wirklichkeit.

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Manuskript in Gefahr   

Stellen Sie sich folgende Ungeheuerlichkeit vor: Sie schreiben während eines Urlaubs in der Fremde binnen zweier Monate einen Roman; Umfang – stolze 300 Seiten. Auf der Rückreise in Ihr Heimatland werden Sie an der Grenze von zwei diensteifrigen, argwöhnischen Zöllnern festgehalten. Ihr handgeschriebenes Manuskript wird beschlagnahmt! So geschehen 1932 an der Schweizer Grenze bei Annemasse, als der Autor Jean Giono die Niederschrift für seinen Roman Le Chant du Monde zurück nach Manosque bringen wollte ... 

Manosque liegt im Herzen der Haute-Provence, eingebettet im Zauber unzähliger Hügel und Täler, und ist darüber hinaus bekannt als Gionos Geburts- und Wirkungsstätte bis zu seinem Tod im Jahr 1970. Vor dem Lockdown freuten wir uns im Februar in der Buchhandlung mille et deux feuilles über eine Lesung, die sich dem reichen Werk Jean Gionos anzunähern versuchte. Ein anregender Anlass, der mich und meine Lesepartnerin inspirierte, uns auf die Spuren des Autors zu begeben. Der erste, lang ersehnte Ausflug nach der Ausgangssperre führt uns direkt ins Gassengewusel des historischen Zentrums. Der südliche Torbogen Porte Saunerie aus dem 14. Jahrhundert heisst uns willkommen und geleitet uns in die Hauptader des Städtchens, in die Rue Grande. Nummer 14: Geburtshaus von Jean Giono und Schauplatz seiner Jugendzeit. Die Erinnerungen an seine Kindheit auf der Informationstafel entlocken uns ein Schmunzeln. In Manosque gibt es einiges an Weltkulturerbe zu bewundern: Kirchen im romanischen Baustil des 11. Jahrhunderts, authentische Häuserfassaden aus dem frühen Mittelalter und eine beachtliche Brunnenkultur. Mehrmals warten schattige Plätzchen für kleinere Verschnaufpausen vor der provenzalischen Hitze auf uns. Der Charme der verwinkelten Gehwege trägt uns planlos durch den Stadtkern, da innehaltend, wo wir Zitate von Giono an Schaufenstern lesen. Die Ausstellung im Kultur- und Literaturhaus Centre Jean Giono ist leider geschlossen. Umso mehr freuen wir uns auf die Führung durch das Le Paraïs, Jean Gionos Universum, in dem seine wichtigsten Werke entstanden sind. 

Das Haus liegt fernab vom Autoverkehr im Grünen, unter den Flanken des Mont d’Or und dem Aufstieg in Richtung der Vraies Richesses. Im Garten begrüsst uns Sylvie Gest mit kräftiger Stimme, um dem Gesäge des Zykadenkollektivs Herrin zu werden. Im Schatten der Baumkronen folgen wir ihrer aufschlussreichen Erzählung zur Lebensreise des Autors. Anschliessend betreten wir ehrfürchtig die Räume dieses Schriftstellers, der mit seinen Hymnen auf die Natur unsere Bücherseelen so zartfedernd ertastet hat. Aufnahmen leider nicht erlaubt, aber die Erinnerungen flimmern mir auch ohne Fotos aus meinem inneren Bilderbuch entgegen. Originalmanuskripte, Privatnotizen, Briefe, Fotos, Kunstobjekte, das authentische Mobiliar schleudern mich ein Quäntchen an Jahrzehnten weg von der Gegenwart. Greifbar nah erscheint mir unversehens sein Wesen an seinem Schreibtisch, vernebelt vom Rauch seiner Pfeife, hörbar das Kratzen seiner Feder auf jungfräulichem Papier, dem fernen Lachen seiner beiden Töchter im Garten lauschend. Tatsächlich dienten ihm drei Schreibbüros als Arbeitsplatz. Bei jedem Wechsel trug er sein Lieblingsobjekt mit sich, eine antike Armillarsphäre. Imponierend die Tatsache, dass er seine Romane alle von Hand in ein grosses Buch geschrieben hatte. Der Kalligraphie verfallen, war er der Auffassung, dass Schreiben wie Zeichnen sei. Höchste Priorität genoss daher die Schönheit einer Handschrift. Den Roman Un roi sans divertissement schrieb er ohne Unterbrechung innert 30 Tagen. Abgefahren: Vor uns präsentieren sich arabeske Original-Handmanuskripte so gut wie ohne Korrekturen! Die heute antike Remington diente seiner Tochter zum Abtippen des vom Vater Geschriebenen. Diktieren fühlte sich wie eine Strapaze an. Tief im Herzen ein Erzähler bekundete er Mühe, seinen Gedankenschatz zu transkribieren. Was er an einem Tag geschrieben hat, liess er sich am selben Tag von seinen Töchtern vorlesen. Dieses methodische Familienritual erlaubte es ihm, am nächsten Tag an das bereits Vorhandene anzuknüpfen. 

Überwältigt und neidisch zugleich stehe ich als ehemalige Buchhändlerin vor seiner gigantischen Bibliothek, die ungelogen 8'500 Bücher umfasst. Im Büro Pharo befinden sich primär wissenschaftliche Bücher, die er für die Beschreibung einzelner Buchszenen brauchte. Zehn Bände über Pferde und über Epidemien. Die Passage, wie sich ein Pferd im Detail bewegt, finden wir wieder in Deux cavaliers de l’orage, die Beschreibung der Cholera in Le hussard sur le toit. Ich kann es nicht unterlassen, Sylvie zu fragen, ob er denn wirklich alle Bücher gelesen habe. Meine Unkenntnis wird mit einem säuerlichen Blick und der Zurechtweisung bestraft, dass jede einzelne Publikation mit persönlichen Anmerkungen und Kommentaren versehen sei. Lesen hat Denken zur Folge. Literatur war für Giono eine unentbehrliche Quelle zur Inspiration sowie seine Liebe zur Kunst. Seine Grosszügigkeit war bekannt, er unterstützte mittellose Künstler und kaufte ihnen Werke ab. So zieren unzählige Fresken und Bilder seines Freundes Lucien Jacques die Räumlichkeiten, die Familie oder oft auch Szenen seiner Romane wiederspiegelnd.

Gionos Frau Élise hat übrigens bis 2016 im Haus gewohnt, die Tochter hat dann das Haus nach dem Tod ihrer Mutter an die Gemeinde verkauft. Im Besitz der Erbgemeinschaft bleiben natürlich die Bestände des Paraïs. Seit dem Erwerb sind nun Garten und Haus der Öffentlichkeit zugänglich. So erschlossen sich mir eingangs der Küche auch die Anachronismen – Mikrowelle oder Wasserkocher passten so gar nicht zum Restinventar.

Und das konfiszierte Manuskript? Seine Geschichte erwähnte Sylvie in einem Nebensatz und liess mich aufhorchen. Meine Nachforschungen ergaben, dass die Grenzwächter es für eine gefälschte Aufzeichnung hielten. Ein geheimes, die Nation in Gefahr bringendes Dokument, das die Eidgenossenschaft auf keinen Fall verlassen darf? Wie auch immer, für literaturferne Douaniers war es zwielichtig, einem handgeschriebenen Roman zu begegnen. Erst nach etlichen, erniedrigenden Fragen, bodenlosen Unterstellungen und dem letzten Machtwort des Kopfs der damaligen Zollbehörde durfte Giono sein Manuskript über die Grenze nach Frankreich führen. Das Werk, geschrieben in Vallorbe im Jura, erschien dann 1934 bei Gallimard.

Die Rückreise nach Marseille am nächsten Tag führte uns über das Plateau von Valensole, eine provenzalische Landschaft übersät von Lavendel, Oliven- und Mandelbäumen. Ein letzter Blick über das violette, parfümierte Farbenmeer, bevor flächendeckend alle Sträucher für eine erste Blütenernte geschnitten werden. Apropos, ein Wochenendstreifzug durch die Haute-Provence lässt einen ungesättigt zurück. Sollten Sie mal in der Gegend sein, planen Sie auf alle Fälle mehr Zeit ein. 

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Acht lange Wochen  

Juni 1967 – Einweihung der Unterwasserseilbahn (le téléscaphe) zwischen Callelongue und Les Goudes. Für diese Zeit absolut einzigartig! Touristen ohne Tauchbrevet hatten zum ersten Mal die Möglichkeit, die Unterwasserwelt in seiner ganzen Pracht zu bewundern. Sie kamen in Scharen und setzten sich zu viert in eine kleine Gondel, die ins Wasser abtauchte und in zehn Metern Tiefe den Küstenfelsen entlang ruckelte– aller retour für zwölf Francs mit einem anschliessend ausgestellten Zertifikat. Die Bahn war nur knapp ein Jahr in Betrieb und wurde im Mai 1968 infolge kleinerer Unfälle und Reparaturkosten wieder eingestellt. Zudem erhoffte sich die lokale Tourismusbranche mehr von diesem Projekt. Auf dieser kurzen Tauchfahrt gab es nicht viel zu sehen: Meeresbestien oder leuchtende Korallenriffe blieben den Sensationsfröschen verborgen, es mangelte an Nervenkitzel und Verzückung.

Warum ich Ihnen das erzähle? Mitte März bis Mitte Mai war das ansonsten stark frequentierte Les Goudes wie leergefegt. Ausgangssperre in der Frühlingshitze. Die blaue Weite und das türkisblaue Wasser, so nah und doch so fern, denn die stündlichen Kontrollen der Polizei, das Observieren der Küsten per Schiff, Helikopter und Drohnen vereitelten den Einheimischen und mir die Freude am Frühlingszauber. Das Verlassen des Hauses war im Umkreis eines Kilometers und für die Zeitdauer einer Stunde erlaubt, das Mitführen einer Bescheinigung obligatorisch. Und so habe ich innerhalb dieser Zone jeden Felsen erklettert, den es zu erklettern gab, und dabei die Überreste der Anlage von 1967 entdeckt, die Fundamente der Seilscheiben von der damaligen Antriebs- bzw. Retourstation. Ich war eingesperrt, isoliert, ohne soziale Kontakte, und diese kleine Entdeckung bereitete mir eine winzige Freude. Tupfte etwas Farbe in mein leeres Innenleben, entlockte mir einen minimalen Drang nach Recherche, damit die endlosen Stunden alleine weniger endlos anmuteten. Die Téléscaphe und die zehn Minuten jeden Abend um 20 Uhr, in denen für das Pflegepersonal geklatscht, mit Pfannendeckeln getrillert und musiziert wurde. Ein Augenblick scheinbarer Gemeinsamkeit.

Tagsüber verschrieb ich mich dem heimlichen Beobachten meiner Nachbarn. Das ältere Ehepaar rechts von mir verliess das Haus praktisch gar nicht mehr. Betrübt hat mich das, ich hörte sie oft streiten. Auf der anderen Seite die grüne Fee mit dem prächtigen Garten. Vierzehn Tage lang pflanzen, umtopfen, über Gartenkonzepte sinnieren. Einmal sass sie ganz versunken auf den Treppen ihrer Balkontür und hörte sich Love Me Tender von Elvis an – dieser Augenblick streichelte meine Sinne bei der Vorstellung, woran sie bei diesem Schmachtfetzen gerade dachte, und gleichzeitig schämte ich mich ganz fürchterlich, mir war, als würde ich in ihr intimes Universum eintauchen. Direkt mir gegenüber kam jeden Morgen der Physiotherapeut angeradelt und leitete im Freien die Übungen der Nachbarin an, die nach einem Unfall ihre Hüften wieder in Schwung bringen musste. Derweil ihre Kinder jeden Tag frisches Brot brachten und in Jumborationen Kühlschrank und Gefriertruhe zutankten. Dem Hund indes wurde zu meinem grössten Bedauern wenig Beachtung geschenkt; seine Wehklagen brachten mein Nervenkostüm an seine Grenzen und meine Selbstgespräche auf eine mittlerweile beunruhigende Frequenz. Und dann Gilles. Der einzige Nachbar, den ich mit Namen kannte. Während der letzten Monate ist mir bewusst geworden, dass die Einwohner hier eine verschworene und in sich geschlossene Gesellschaft sind. Mein Smalltalk mit dem Quartierladenbesitzer stiess auf verhaltene Ohren – das entsprach so gar nicht meinen Alltagsbegegnungen mit den spontanen und plauderfreudigen Stadtmenschen. Die Wortwechsel mit Gilles waren wohltuend, obwohl mir sein Dialekt aus Martigues alles abforderte. Er brachte mir ein paar Mal Zigaretten, weil es in Les Goudes keinen Tabakladen gibt, und er eine Vespa hatte. Solidarität unter Rauchenden eben. Gilles' Betätigungsdrang während der Ausgangssperre war Sinnbild für den Stillstand im Lockdown, die wieder gewonnene Langsamkeit, die Rückbesinnung auf Schlichtes. Die Achtsamkeit in seinen Aktivitäten rührte mich: Wie er seine Schnorchelausrüstung für den lang ersehnten Einsatz bereitstellt, erinnerte mich an die Konzentration meines Vaters beim Zurechtlegen seiner Angelutensilien. Oder wie Gilles ein provenzalisches Ratatouille zubereitet, sämtliche Flächen seiner Veranda belegt mit mehrerlei Gemüse, das Geheimnis des raffinierten Eintopfs liegt im gesonderten Schmoren des Grünzeugs und erfordert Zeit und Musse. Augenblicke tiefer Versunkenheit und Beschaulichkeit, die ich ohne sein Wissen mit ihm teilte.

Irgendwann im Mai erreichte mich die Nachricht, dass in Schweizer Städten gegen Corona-Massnahmen demonstriert wurde. Geärgert haben mich die Klagelieder über die Beschneidung persönlicher Freiheiten. Streifzüge durch den Wald, ausgedehnte Wanderungen, im Freien mit gebührendem Abstand ein Gläschen zwitschern, sich mit einem lebendigen Vis-à-vis austauschen – alles erlaubt. Hier waren in den nördlichen Quartieren der Stadt Menschen auf engstem Raum wochenlang eingepfercht, Alleinlebende mussten zwei Monate lang ohne sozialen Anschluss erdulden. Mit meiner kleinen Terrasse gehörte ich noch zu den Privilegierteren. Natürlich fühlte ich mich meiner Freiheit beraubt. Dreimal hat mich die Polizei kontrolliert. Beim letzten Mal zitierten mich die Uniformierten mit dem Megaphon von der bereits erklommenen Krete herunter, um mich dann mit Fragen zu löchern und mich grobklotzig darauf hinzuweisen, die Bescheinigung gefälligst gut sichtbar ausserhalb des Polizeiautos zu präsentieren! Alles andere als angenehm war diese Überwachung und einhergehend mit der Einsamkeit und der Frustration über die Gesamtlage hinterlässt das Spuren. Die virtuellen Gitterstäbe besetzten meine Gefühls- und Gedankenwelt, und selbst wenn der eigene Körper keimfrei blieb, befiel das Virus in seiner Omnipräsenz meine Magengegend. Lange Briefe habe ich geschrieben und mich im Fernunterricht mit Teenagern auf Französisch unterhalten. Ansonsten liessen mich Konzentration und Arbeitslust erschöpfend im Stich. Herumtigern und angewurzelte Reglosigkeit gleichlaufend. Untergenährtes, welkes Ich, gierig nach Dialog, nach einem geselligen Abendessen, nach einer natürlichen Umarmung. Und dann war sie plötzlich da, die Aufhebung der Ausgangssperre, und ich habe an diesem 11. Mai das Haus nicht einmal verlassen. Für einen Ausflug in die Stadt wollte keine Begeisterung aufkommen. Die Welt da draussen hat sich verändert, und mit ihr das Leben in mir drin. Das Masken-Obligatorium im öffentlichen Verkehr und in den Läden, die plötzliche Nähe von Menschen machen mich nervös. Versteckte und anonyme Gesichter, ausweichende Passanten auf den Strassen. Die Sorglosigkeit der Jugend wirkt befreiend und macht zugleich neidisch. Bei mir dauert das noch ein Weilchen mit der Leichtigkeit im Sein.

Acht lange Wochen, die mir nicht flugs entfallen werden.

Meine Zeit in Les Goudes gehört der Vergangenheit an, die Abgeschiedenheit, das Gefühl abgesonderter Gegenwart setzten mir zu. Ich bin in die Stadt gezogen, eingebunden und neu beseelt.

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Meeresbrise oder Courant normal?

Mitte März wählte das französische Volk in allen Städten und Gemeinden die Delegierten auf kommunaler Ebene in zwei Wahlgängen – und anschliessend das oberste Organ der Stadt – den Bürgermeister oder die Bürgermeisterin. Anlässlich dieser Municipales 2020 liegt mir am Herzen, der Ereignisse vom 5. November 2018 zu gedenken. Aber der Reihe nach ... 

In Marseille sitzt bekanntlich Monsieur Jean-Claude Gaudin (die bürgerlich-konservativen Les Républicains, sprich die ehemalige Sarkozy-Partei) seit 1995 im Sessel der Mairie. Für ein fünftes Mandat stellt er sich nach 25 Jahren der Regentschaft nicht mehr zur Verfügung und macht so den Ausgang der Wahlen spannender als auch schon. Wer wird also neuer Bürgermeister oder neue Bürgermeisterin der zweitgrössten Stadt Frankreichs? Ich persönlich würde mich über die Wahl von Samia Ghali (mit ihrer eigens für die Wahlen gegründeten Bewegung Marseille avant tout) freuen, weil sie für mich die Hoffnung auf eine erfrischende Meeresbrise in Marseille verkörpert. Denn diese Wahl lässt sich nicht von den Ereignissen der letzten Monate trennen. Ereignisse, die die Bewohner und Bewohnerinnen Marseilles tief erschüttert und nachhaltig die Einstellung gegenüber den Politikmachenden verändert haben. 

Rue d’Aubagne in Noailles, dem Quartier im Herzen Marseilles, am 5. November 2018: Zwei Gebäude stürzen zu früher Morgenstunde in sich zusammen und reissen acht Menschen in den Tod. 10'000 Personen gehen auf die Strasse und verleihen ihrem Schmerz und ihrer Wut Ausdruck. Denn diese Katastrophe trägt die Handschrift von einer Stadtpolitik, die seit Jahren unter den Strukturen von Korruption und Günstlingswirtschaft leidet. So sehr ich diesen Ort ins Herz geschlossen habe, gewisse Gegebenheiten lassen sich nicht überschminken. Das Zentrum der mediterranen Kapitale der Provence vergammelt. Denn die Wohnraumpolitik wird seit Jahrzehnten unentschuldbar vernachlässigt – und dies seit Jahren mit System, was sich simpel in etwa so resümieren liesse: Baufällige Gebäude in populären Quartieren der Stadt verrotten lassen, aufkaufen und dann luxussanieren! Statt sich dem dringlichen, sozialen Wohnbau zu widmen, war es Monsieur Gaudin in persona, der öffentlich preisgab, dass er Leute in diesen Vierteln wolle, die Steuern bezahlen. Kurz, Marseilles Innenstadt soll finanzkräftig und bourgeoise sein. Es sei mir verziehen, liebe Leser und Leserinnen, aber bei Gaudins Worten streift eine haarsträubende Wortschöpfung meine Gedanken – maghrebgesäubert. Denn schliesslich ist gerade Noailles mit seinem multikulturellen Markt das Herzstück Marseilles. Entstanden nach der Französischen Revolution war dieses Quartier seit jeher eine Heimat für die kleinen Leute und für die Eingewanderten des Maghrebs. Im Prozess der Gentrifizierung betreiben hier Quartierwucherer ihre skrupellosen Geschäfte, indem sie der ärmeren Bevölkerung baufällige und gesundheitsschädliche Dreckslöcher vermieten und daraus Profit schlagen. Darunter lassen sich durchaus auch Privateigentümer finden, die zu Gaudins Partei- und Freundeskreis gehören und als gewählte Politiker den ganzen Filz um Architekten, Bauunternehmer, Investoren und weitere Subunternehmer vorantreiben. Gewissermassen Wahlstimmen gegen Vergabe von Bauvorhaben.

Aufgewühlt hat mich aber vor allem die Tatsache, dass das Bürgermeisteramt bereits 2014 von Bauexperten über die Baufälligkeit der Häuser an der Rue d’Aubagne informiert wurde. Weitere Warnungen erfolgten seitens der Mieter und Mieterinnen gar eine Woche vor diesem folgenschweren Einsturz! Bewohner und Bewohnerinnen diverser Unterkünfte in der Stadt haben Privatbesitzer und die lokalen Behörden immer wieder auf Fassadenrisse, Zeichen von Gebäudesenkung oder auf von der Decke losgelöste Mauerstücke hingewiesen. Allenfalls wurde auf die Schnelle etwas notdürftig repariert mit der Antwort: ça va aller ... das geht schon, keine Sorge. Nach dieser Katastrophe im November ergreift dann die Verantwortlichen der lokalen Regierung doch die Panik. Und im Zeitraum eines Jahres werden wegen akuter Gefahr vor weiteren Zusammenbrüchen Hunderte von Gebäuden gesperrt und Eingangstüren mit Brettern zugenagelt. Über 3'000 Menschen werden in der Folge evakuiert, ohne ein angemessenes Zeitfenster, um das Wichtigste zusammenzupacken. Sie werden temporär in Hotels oder in abgelegenen Wohnungen untergebracht. Eine Vielzahl dieser Betroffenen, die von heute auf morgen ihr Hab und Gut verloren haben, konnten bis heute noch keine zumutbare Bleibe finden. Und die wenigen Personen, die nach Entwarnung in ihre Wohnungen zurückkehren durften, fanden zerstörte Möbel vor oder, im schlimmsten Falle, gar nichts mehr, weil eingebrochen wurde oder die Räume von Heimatlosen besetzt worden waren. Aus Angst vor weiteren Einstürzen hat die Stadt in einer Kettenreaktion auch in vielen anderen populären Quartieren (mit populär meine ich zahlbaren Wohnraum für alle) wie La Belle de mai, La Plaine oder gar im für die Touristen à la va-vite aufgemotzten Panier, Strassen abgesperrt und vom Durchgangsverkehr komplett isoliert. Der Zugang zu Strom und Wasser wurde oftmals ohne Vorwarnung gekappt, was auch für das lokale Kleingewerbe verheerende Folgen hatte: Gastro- und andere Dienstleistungsbetriebe, die von der Laufkundschaft lebten, mussten schliessen. Der prekäre Zustand im Wohnwesen führte nicht wenige Einzelunternehmen also auch in den wirtschaftlichen Ruin. Aber die Stadtlenker kümmern sich mit Hingabe lieber um die äussere Aufwertung, um das Image der Stadt aufzupolieren. Eifrig werden zur Zeit Fassaden in angesagten Quartieren neu gestrichen, derweil andere Strassen seit vielen Monaten unzugänglich bleiben, um weitere Tragödien zu vermeiden.

Wie wählen nun wohl die systemfrustrierten Marseiller*innen? Aussichtsreichste Kandidatin für den Sessel der Mairie ist Mme Martine Vassal, Gaudins langjährige rechte Hand und bevorzugte Nachfolgerin für sein Amt. Nach dem ersten Wahlgang allerdings führt nun trotz anderer Prognose Mme Michèle Rubirola, die Kandidatin von Le Printemps marseillais (eine Koalition der Linken unter der Führung der Grünen). An dieser Stelle sei vermerkt, dass der zweite Wahlgang vom 22. März 2020 auf unbestimmte Zeit verschoben wird, weil mit dem Covid-19 nicht nur in Frankreich, sondern auf dem ganzen Globus alles zum Erliegen gekommen ist, und sich alle Staaten im Ausnahmezustand befinden. 

Dessen ungeachtet denke ich an die Opfer vom 5.11.18 und an ihre Angehörigen. Möge das Wahlergebnis eine neue Garde an Volksvertretern und Volksvertreterinnen in die Pflicht nehmen, damit sie die prekären Zustände im Wohnungswesen und den lokalpolitischen Klientelismus bekämpfen und damit den Courant normal der letzten Jahrzehnte durchbrechen. Marseille ist eine anziehende und aufregende Stadt, wenn aber unter der touristischen Attraktivität ihre durchmischte, weithin verarmte Bevölkerung in den Innenstadtvierteln leiden muss, zerbröselt ihr Ansehen. Die Betroffenen haben sich nach dem Drama an der Rue d’Aubagne aus Protest im Collectif 5 novembre neu organisiert und ihre Forderungen für ein würdiges Wohnen in einem Manifest festgehalten. Sie werden nicht lockerlassen, denn die Familien der Opfer und alle Dislozierten warten auf Gerechtigkeit und in erster Linie auf greifende Massnahmen.

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Wissen Sie, Madame, wegen dem Streik ...

Marseille war die Destination meiner Träume, lange bevor la cité phocéenne 2013 zur Kulturhauptstadt Europas auserkoren wurde und einen Ansturm von Touristen auslöste. Deshalb habe ich mich auch entschieden, mir – fernab von Lärm, blau-weissen Tuckerbähnchen und endlos langen Schlangen vor den Ticketschaltern am Vieux-Port – eine ruhige Bleibe für meine zeitweiligen Atempausen im provenzalischen Süden zu suchen. Möglichst nahe am Meer wollte ich mich niederlassen, im Wissen, dass mich die täglichen Kraxeleien in den Felsen der Calanques über mögliche Einsamkeitsgefühle hinwegzutrösten vermögen. Schwer gefallen ist mir die Entscheidung nicht. Es zog mich schon immer nach Les Goudes, ins kleine Hafenstädtchen am Ende der Welt, wie einige Stadtmenschen zu sagen pflegen, obwohl der Ort im 8. Arrondissement noch zur Stadt Marseille gehört. Kennengelernt habe ich diesen Ort vor mehr als zehn Jahren bei meinem allerersten Besuch in Marseille. Damals trug ich als Einstimmung für den Stadtbesuch die Lektüre der Trilogie von Jean-Claude Izzo bei mir, die Kriminalromane Total CheopsChourmo und Solea mit Izzos Helden Fabio Montale, Polizist wider Willen, der einsam gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, in Marseille lebt und in Les Goudes mit seinem Boot zum Fischen rausfährt, um seine Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens zu besänftigen. Am Ende war es die Lektüre von Izzo, die meine Sturheit zementierte, genau hier wohnen zu wollen. So behause ich zurzeit ein kleines Cabanon, eines dieser kleinen, zweietagigen Fischerhäuschen an der Hauptstrasse, die nach Callelongue führt, dessen kleiner Fischerhafen den Beginn des Nationalparks der Calanques markiert.

Bereits im Herbst war mir klar, dass ich meinen Geburtstag in Marseille feiern möchte und ganz beglückt über die vielen Zusagen konnte ich mein Lieblingsrestaurant auf dem Cours Julien, angesagte Partymeile im Zentrum der Stadt, für das Geburtstagsessen in grosser Runde reservieren, derweil meine Freundinnen und Freunde vorzeitig ihre Plätze im TGV und ihre Hotelzimmer gebucht haben. Zur Einstimmung in das festive Wochenende sollten die Anreisenden von einem Picknick am Meer profitieren können. Bereits anfangs Dezember berichteten dann die Medien, dass in ganz Frankreich wegen Emmanuel Macrons geplanter Rentenreform – die Regierung möchte das unüberschaubare Rentengeflecht für verschiedene Berufsgruppen in ein einheitliches System überführen – Generalstreiks in grossem Umfang bevorstehen. Unter anderem würden auch die SNCF und der ganze Bahnverkehr davon betroffen sein. 

Um den Informationsaustausch untereinander zu sichern, habe ich uns allen im Oktober einen WhatsApp-Chat eingerichtet. Schon alleine dieser Chatverlauf bis zur Rückreise in die Schweiz ergäbe eine kleine, aber feine Kurzgeschichte. Die ganze Palette von Emoticons kam darin vor; alle fanden individuelle Zeichen für ihren aktuellen Gemütszustand: Betende Hände, hochrote Köpfe, Lachsalven, Teufelchen und weinende Gesichter, denn am Ende haben es infolge des anhaltenden Streiks tatsächlich nicht alle in die Provence geschafft. Täglich erreichten uns neue Schreckensmeldungen der französischen Bahngesellschaft, die Züge für den Fernverkehr ersatzlos ausfallen liess. Die einen haben sich noch ein Plätzchen im Flixbus ergattert, die anderen entschieden sich für einen stundenlangen Schwatz im BlablaCar, die Nachhut musste dann aufs eigene Auto ausweichen. Kurz – ein unvergessliches Abenteuer mit Hoch und Tiefs, aber gefeiert wurde dann umso ausgiebiger.

Natürlich wurde in diesen Wochen heftig über die Streikkultur Frankreichs debattiert. Gerade in der Schweiz fragen wir uns, warum sich Bürger und Bürgerinnen nicht mit den Mannen und Frauen der Regierung an einen Tisch setzen, um gemeinsam Lösungen für anstehende Probleme zu finden. Nicht selten werden ja die streikenden Gallier als faules, stures und nur auf die eigenen Vorteile bedachtes Volk beschimpft, denen es nur darum geht, die eigenen Privilegien mit der Brechstange zu verteidigen. Dieser Einstellung kann ich mich nicht anschliessen, denn die französische Bevölkerung profitiert nicht von den Mitteln einer direkten Demokratie. Emmanuel Macron bestimmt und entscheidet mit seinem Kabinett häufig autoritär, ohne dass Vorlagen in einer Abstimmung vors Volk kommen. Mag sein, dass uns eine Pension bei den Eisenbahnern ab 55 inklusive ansehnlichen Privilegien übertrieben vorkommt (Beschäftigte in der Privatwirtschaft lassen sich durchschnittlich erst mit 63 pensionieren, und die Renten liegen mit dem französischen Mittel von 1'422 Euros tiefer als bei den Sonderrentenkassen), einverstanden, gewisse Reformen in Bezug auf Sonderregelungen von Staatsangestellten sind wohl unvermeidlich, aber meiner Meinung nach in Absprache mit den Betroffenen zu vollziehen. 

Ausserdem – Streiken gehört ganz einfach zur politischen Kultur Frankreichs. Selbst die bürgerlichen, nicht nur die linken Parteien sind den Streiks gegenüber offen eingestellt! Die Akzeptanz für Massenproteste in Frankreich ist hoch, und man organisiert sich in den Grossstädten eben entsprechend. Wenn in Paris weder Busse noch Metro fahren, radeln die Einwohner*innen mit ihren Velos zur Arbeit und organisieren sich in Mitfahrgemeinschaften. Wenn die Gewerkschaften ihre Mitglieder für einen nationalen Massenstreik mobilisieren, geht es prinzipiell um ein Kräftemessen zwischen Bürgern und Regierung, denn erst wenn die Gewerkschaften in Frankreich Macht demonstrieren, werden die Sozialpartner von der Regierung an einen Tisch für Gespräche eingeladen und können ihre Forderungen konkret anbringen. Bei uns in der Schweiz setzen sich Arbeitende und Parlamentarier*innen von Anfang an zusammen, wenn Reformen anstehen. Kann keine Lösung gefunden werden, dann wird gegebenenfalls demonstriert oder in ganz seltenen Fällen auch einmal gestreikt. Tja, und in Frankreich läuft das eben genau umgekehrt. 

Kennengelernt habe ich diese französische Lebensart in Marseille vor zwei Jahren, als ich, wie jeden Morgen, an der Bushaltestelle am Platz Jean-Jaurès auf den Bus 74 gewartet habe, der mich an die Alliance Française bringen sollte, wo ich meine Sprachkurse belegte. Wartend beobachtete ich das rege Treiben der Händler an den Marktständen auf La Plaine, bis ich von einer freundlichen, älteren Dame darauf aufmerksam gemacht wurde, dass heute kein Bus fährt – Wissen Sie Madame, wegen dem Streik ... Das Wort la grève gehörte damals noch nicht zu meinem Wortschatz. Ich kam, wie viele andere unserer Gruppe, zu spät zum Unterricht, und unser Lehrer klärte uns dann auf. Seit jenem Tag habe ich mich fortan rechtzeitig informiert, wann wieder gestreikt wird – oft mindestens einmal in der Woche! Am Nachmittag wollte ich mir dann selber ein Bild von den protestierenden Einwohner*innen Marseilles machen. Obwohl ich in der Schweiz auch schon an Demos teilgenommen habe, war ich überwältigt, mit welcher Leidenschaft und mit welcher Wortgewalt auf den Bannern die Menschen auf ihrem Marsch auf der Canebière in Richtung Cours Lieutaud ihrem Unmut freien Lauf lassen. Wahrlich ein lautstarkes und robustes Auftreten von Arbeitern und Arbeiterinnen im öffentlichen Verkehr, in den Spitälern und im Bildungswesen. 

Wenn man hier lebt, dann entwickelt man ein gewisses Verständnis für diese Streikkultur und regt sich darüber nicht mehr auf. Natürlich, wenn man selbst davon betroffen ist, dann sieht das Ganze wieder anders aus. Ganz gebannt erkundige ich mich täglich, ob mein Zug am darauffolgenden Sonntag fährt und mich in die CH transportiert. Denn ganz ehrlich, ich möchte die Weihnachtstage gerne in Zürich verbringen und hoffe ganz einfach, die Syndikate mögen eine kleine Verschnaufpause einlegen. Denn ob sich Macron kompromissbereit zeigt, steht nach 14 Tagen Streik noch in den Sternen ...


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Aussicht vor der Grotte auf die Stadt © Connie Leu, August 2020

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Le Paraïs – Haus und Garten von Jean Giono und seiner Familie © Nicole Larger

Les Goudes

Callelongue – Überreste der Seilscheiben bei der Antriebsstation © Connie Leu, April 2020

Strand

Les Goudes © Connie Leu, April 2020

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Rue d’Aubagne – die offene Wunde, November 2019 © Connie Leu

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Rue Curiol (La Plaine), November 2019 © Connie Leu

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Canebière, Oktober 2017 © Janine Köchli

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Les Goudes © Connie Leu