Gilles Reckinger

Bittere Orangen. Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa

Ein gut lesbarer und aufschlussreicher Bericht über die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in Süditalien. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit unserer Erwartung, kostengünstig Südfrüchte einkaufen zu können und mit nicht-saisonalem Gemüse versorgt zu sein, d.h. Bittere Orangen geht uns alle an!

Die sorgfältigen und über viele Jahre von dem Ethnologen Gilles Reckinger geführten Gespräche und Begegnungen in und um Rosarno, einer kleinen Stadt in Kalabrien, zeigen das Hand-in-Hand-arbeiten von Migrationspolitik und Wirtschaft auf. Er streicht hervor, dass sich hier nicht etwas Neues manifestiert, sondern diese Mechanismen von Ausbeutung in einer erschütternden historischen Kontinuität stehen. Zeitgenössische Sklaverei unterscheidet sich lediglich in der Form. Perverserweise ist keine physische Gewalt mehr nötig, um die Menschen zu zwingen als Sklaven zu arbeiten. Die ökonomische Verfügbarmachung von entrechteten Migrant:innen erledigt das heute.

Keine leicht verdauliche Lektüre, jedoch eine sehr bedeutsame. Sie hilft, den weichen und harten Scharfmachern nicht auf den Leim zu gehen, die uns weismachen wollen, dass es sich hier um eine noch nie dagewesenen Migrationskrise handle, verursacht durch Kräfte, die zu bändigen wir nicht in der Lage sind. Dem ist nicht so. Sehr empfehlenswerte Lektüre! ap

Klappentext:

Auf Lampedusa hat man sie an Land gehen sehen, erschöpft und traumatisiert von der Flucht. Viele der Menschen aus afrikanischen Ländern, die ihre Hoffnung auf ein freies Leben in Europa gesetzt hatten, sind nie aus Italien herausgekommen. Sie stecken fest in einer neuen Sackgasse: den süditalienischen Orangenplantagen. Während ihrer Asylverfahren stehen Geflüchtete in Süditalien ohne Papiere und ohne Rechte buchstäblich auf der Strasse. Die nahen Plantagen sind oft ihre einzige Chance auf eine Arbeit, die ihr Überleben sichert. Offen verachtet von der Bevölkerung, untergebracht in Slums und fern jeder medizinischen Versorgung pflücken sie 12 Stunden am Tag Orangen. Für maximal 250 Euro im Monat – sofern sie das Glück haben, morgens auf dem "Arbeitsstrich" aufgelesen zu werden.

Gilles Reckinger ist immer wieder nach Rosarno, eine kleine Stadt in Italiens Stiefelspitze, gereist, um die Arbeits- und Lebensbedingungen der migrantischen Erntehelfer zu dokumentieren. In vielen Gesprächen ist er den Menschen nahe gekommen, die festgesetzt sind in extremer Prekarisierung ohne jede Option. Nicht einmal die auf Rückkehr in ihr Herkunftsland. Eine aufrüttelnde Dokumentation über Arbeitssklaverei mitten in Europa.

Über die Autorin / über den Autor:

Prof. Dr. Gilles Reckinger, geboren 1978 in Luxemburg, ist Europäischer Ethnologe mit den Arbeitsschwerpunkten Migration, Prekarität und Europäisches Grenzregime. Sein Buch Lampedusa (2013) erhielt den Bruno Kreisky Preis für das politische Buch und stand auf der Short List für den Opus Primum der Volkswagenstiftung. Gilles Reckinger lebt in Innsbruck und Luxemburg.

Preis: CHF 33.90
Sprache: Deutsch
Art: Broschiertes Buch
Erschienen: 2018
Verlag: Peter Hammer
ISBN: 978-3-7795-0590-7
Reihe: Edition Trickster
Masse: 231 S.

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