Alle Gastbeiträge

Kulturnotizen aus Bari

---------------------------------------------

Mit der Tarantella in den Herbst tanzen

Zwei lange Sommermonate liegen hinter mir, die wie im Nu vergangen sind … Heiss war es, aber zum Glück wehte abends vom Meer her oft eine Brise, die alles erträglicher machte. Vor allem im August war Bari gar nicht so menschenleer, wie man es früher von italienischen Städten kannte, die insbesondere um Ferragosto, den Feiertag am 15. August, wie ausgestorben wirkten. Die Stadtverwaltung hat in den letzten Jahren viel getan, um die Lebensqualität im Sommer zu erhöhen, damit sowohl die, die in der Stadt bleiben (müssen), als auch die steigende Zahl an Tourist:innen gastronomische und kulturelle Angebote vorfinden. In San Girolamo im Norden wie auch in Torre Quetta im Süden der insgesamt sich über vierzig Kilometer erstreckenden Küstenlinie Baris wurden Uferabschnitte hergerichtet, die zum abendlichen Flanieren einladen. Kurzfristig kamen zu den schon im letzten Beitrag vorgestellten Festivals noch weitere hinzu, sodass es jede Menge Möglichkeiten gab, das sommerliche Ausgehbedürfnis zu befriedigen. Insbesondere das internationale A-cappella-Festival ist hier zu nennen, das drei Abende lang feinsten A-cappella-Gesang sowohl apulischer als auch internationaler Gruppen zur Aufführung brachte. Aber auch das Festival "Le due Bari" ist hier zu erwähnen, das noch bis in den November hinein zu Konzerten, Theaterveranstaltungen und Workshops einlädt und das über ganz Bari verteilt stattfindet, wobei hier Wert darauf gelegt wird, sowohl die peripheren Stadtviertel als auch die Stadtbevölkerung selbst mit einzubeziehen. Ein weiteres Grossereignis, das dieser Tage ansteht, ist das Talos-Festival in Ruvo di Puglia etwas nördlich von Bari. Nach einem Eröffnungskonzert von Vinicio Capossela gibt es acht volle Konzerttage, die ein weites Spektrum internationaler Jazz- und Worldmusik bieten.

Ein Highlight beim Festival "Le due Bari" war ein Konzert in Baris südlichstem Vorort Torre a mare, auf einer Bühne direkt am Hafen. Hier spielte die Nuova compagnia di canto popolare, die sich seit Jahrzehnten um die "musica popolare" Süditaliens, also die regionale Volksmusik bemüht. Dazu gehört natürlich auch die Tarantella, ein Begriff, der häufig sofort mit Apulien assoziiert wird, wenn es um die dortige Musik geht, aber sich nicht nur darauf beschränkt. Die "Pizzica" oder "Taranta", wie sie hier auch genannt wird, hat viele regionale Unterarten, wobei es ein paar Zentren gibt, die sich im Gargano, dem nordapulischen Stiefelsporn, in der Murge im Landesinneren Richtung Basilikata und im Salento, dem griechisch geprägten Südteil des Absatzes befinden. Als ich vor dreissig Jahren meinen ersten Sommer in Apulien verbrachte, war die Tarantella, womit sowohl der Tanz als auch die dazu gehörigen Lieder gemeint sind, bei jungen Leuten in der Stadt kaum bekannt. Ein bisschen war es ihr wie dem Dialekt ergangen: Nach zwei Jahrzehnten forcierter Modernisierung hatte man sich von vielen Traditionen entfernt. Kurz danach setzte aber eine Art Revival ein, eine Suche nach den eigenen Wurzeln, und die Tarantellakurse sprossen ebenso wie die dazugehörigen Tamburinkurse (die hier Tamorra genannt werden) wie Pilze aus dem Boden. Heutzutage hat die Tarantella einen festen Platz im Musikleben der Region und nachdem es am Anfang vor allem darum ging, das verschüttete kulturelle Erbe wieder ans Tageslicht zu fördern, gibt es inzwischen viele Gruppen, die die Musik mit anderen Einflüssen kreuzen und so eine zeitgemässe Interpretation anbieten.

Ein wichtiges Festival in diesem Zusammenhang ist die "Notte della Taranta", die Nacht der Taranta, die alljährlich Ende August in und um Melpignano, einem der griechisch geprägten Orte des Salento, stattfindet. Dieses Konzertgrossereignis hatte sich seit seinem Start 1998 eines stetig steigenden Zustroms erfreut und zuletzt Hunderttausende in den Salento gebracht, bis es in die pandemiebedingte Zwangspause geschickt wurde, wo es lediglich ein Streaming gab. Aber "Notte della Taranta" bedeutet Ausgelassenheit und Lebensfreude, hier gehört dazu, dass das Publikum auf den Strassen tanzt, und so war die diesjährige Ausgabe mit grosser Vorfreude erwartet worden. Um die 200'000 sollen dabei gewesen sein, und nicht nur das Publikum ist immer zahlreicher und internationaler geworden, auch die auftretenden Künstler:innen kommen längst aus den verschiedensten Ländern und Musikstilen, um der Taranta, dieser mitreissenden Musik mit ihrem auf eine Art exorzistische Reinigung zurückgehenden Tanz, ihre Reverenz zu erweisen.

Aber auch bei den sommerlichen Volksfesten auf dem Land bzw. in den Kleinstädten um Bari herum gehört eine Tarantellaband in der Regel dazu. Neben den Patronatsfesten gibt es hier die "Sagra", eine Art Jahrmarkt, die meist einer lokalen Spezialität gewidmet ist (häufig einer speziellen Kirschen-, Trauben- oder Olivensorte). Doch auch in der Stadt ist es nicht ausgeschlossen, auf Tamorraspieler:innen zu treffen, die sich im Sommer zu Strassenmusik verabreden. Ein mir bekannter Musiker hat mir mal erzählt, dass, insbesondere wenn in Bari die grossen Kreuzfahrtschiffe anlegen und die Tourist:innen in die Altstadt strömen, es auch finanziell eine durchaus lohnende Angelegenheit ist, sie mit einer Pizzica zu begrüssen …

Ja, der Sommer ist am Ausklingen, der Urlaub zu Ende, bald beginnt die Schule wieder, und alles bereitet sich auf den Herbst vor. Natürlich lassen auch der September und der Oktober noch reichlich schöne Tage erwarten und die Open-Air-Saison geht vorerst ebenfalls weiter. Aber gleichzeitig nehmen die "Indoor-Aktivitäten" langsam wieder ihren Betrieb auf. Auch in der Kneipe "Storie del vecchio sud", die ein überwiegend studentisches und alternatives Publikum hat, startet in Kürze wieder der "Martedì popolare", der "volkstümliche Dienstag", eine Art Jamsession für Tarantellamusik. Meistens sind es zehn bis fünfzehn Leute, die sich um einen grossen Tisch versammeln und singen und spielen, während das Publikum mal mehr und mal weniger ausgelassen im engen Kneipenraum tanzt. Wer also im Herbst oder Winter in Bari ist und Lust auf authentische Volksmusik hat, ist hier jeden Dienstag an der richtigen Adresse.

---------------------------------------------

Ein Sommer voller Musik

Spätestens ab Juni spielt sich das abendliche Leben in Bari weitgehend auf der Strasse ab. Wenn es sommerlich heiss wird – was dieses Jahr schon seit Ende Mai der Fall ist −, ziehen die Leute mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack ins Freie um. Das Lungomare, die kilometerlange Meerpromenade, verwandelt sich dann insbesondere auf Höhe der Altstadt Bari vecchia in ein riesiges Freiluftwohnzimmer. Um die in regelmässigen Abständen zu findenden Bänke bilden sich allabendlich unter Zuhilfenahme selbst mitgebrachter Camping- und Klappstühle zahlreiche Runden süditalienischer Grossfamilien, die mit ihren lautstark und emotional geführten Gesprächen und den bis spät in die Nacht mobilen Kleinkindern jedes auch noch so abgenutzte Klischee bestätigen. Aber was gäbe es denn auch Besseres, als nach einem heissen Tag, der allen alles abverlangt hat, aufzuatmen und die frische Meeresbrise zu geniessen. Für die Versorgung sorgen ein paar Foodtrucks, wo sich Panini erstehen lassen, ansonsten gedeiht die Schattenwirtschaft mit Kühltruhen voller eisgekühlter Getränke und ein paar Ständen, an denen die typischen baresischen sgagliozze (Polentastücke) oder popizze (Hefeteigbällchen) frittiert werden. Es sind klassische Arme-Leute-Vergnügungen, die hier zelebriert werden, und tatsächlich gehören die, die sich am Lungomare zusammenfinden, eher nicht zu denen, die eine Zweitwohnung am Meer haben oder sich für die Sommersaison für viel Geld einen Trullo auf dem Land mieten können.

Auch das Kulturleben in Apulien weist zwischen Sommer und Winter riesengrosse Unterschiede auf. Während der Winter mit Theater- und Kinobesuchen, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Konzerten eher dem entspricht, wie wir es auch nördlich der Alpen kennen und praktizieren, werden all die Formen im Sommer suspendiert. Stattdessen ist jetzt die Saison der Open-Air-Musikfestivals! Und diese finden an den unterschiedlichsten Orten statt. Im Prinzip könnte man sagen, dass jeder Platz, auf dem sich ein Verstärker und eine Lichtanlage anschliessen lassen und ein paar Stühle aufgestellt werden können, in einen Veranstaltungsort umgewandelt wird. Kaum ein Dorf, das es sich nehmen lässt, auf seiner zentralen Piazza ein paar Konzerte zu veranstalten, dazu gibt es jede Menge Masserien, ehemalige Bauernhöfe, mit einer Freiluftbühne. Jeden Sommer besteht auf diese Weise die Möglichkeit, neue, zum Teil verschwiegene Orte abseits der gängigen Routen kennenzulernen. Ein Auto ist dabei allerdings unerlässlich, denn sobald man die noch halbwegs mit Regionalzügen erreichbare Küstenlinie verlässt (wobei es auch hier am Abend schwierig wird, denn man kommt zwar mit dem Zug noch hin, aber nicht mehr zurück), gehören öffentliche Verkehrsmittel oder auch ein Shuttle häufig zu den Dingen, die höchstens vom Hörensagen bekannt sind.

Da ich kein Auto habe, muss ich also schauen, ob ich irgendwo mitfahren kann − oder einfach in Bari bleiben. Um nicht nur den aus verschiedensten Gründen in der Stadt Verharrenden, sondern auch den Tourist:innen im Sommer kulturell etwas zu bieten, hat sich die Stadt in den letzten Jahren bemüht, die verschiedenen Einzelinitiativen unter einem Dach zu vereinen und zudem Festivals, die bisher eher im Umland aktiv waren, punktuell mit einzubinden. Das Ergebnis ist die Festa del Mare 2022, eine Reihe unterschiedlicher Kulturangebote von Mitte Juni bis Anfang September. Herzstück ist in der zweiten Augusthälfte das Bari Piano Festival, ein internationales Klavierfestival, das eng mit dem Bareser Konservatorium verbunden ist 

Den Auftakt zu meinem Kultursommer machten am vergangenen ersten Juli-Wochenende mal wieder – neben dem Bari Pride, der in einer bunten und entspannten, aber gleichzeitig wichtige politische Forderungen artikulierenden Weise durch Bari gezogen ist − die Bücher! Lungomare di libri war eine dreitägige Veranstaltungsreihe, die auf der dem Meer zugewandten Muraglia, der ehemaligen Stadtmauer um Bari vecchia, stattfand. An mehreren Orten gab es Buchvorstellungen und Diskussionen, ausserdem eine lange Reihe mit Ständen, wo sich die unabhängigen Verlage und Buchhandlungen Baris und der Provinz präsentieren konnten, um mit ihren Leser:innen ins Gespräch zu kommen und ihre Bücher zu verkaufen. Natürlich war auch die Libreria 101 dabei. Auf einer der Veranstaltungen wurde die Verfilmung von Gianrico Carofiglios Maresciallo-Fenoglio-Romanen als Mehrteiler für das italienische Fernsehen vorgestellt, die zurzeit in Bari gedreht wird. Dabei wurde auch die Frage diskutiert, wie der baresische Dialekt im Fernsehen gesprochen werden muss bzw. darf, damit er einerseits von den Baresi noch als authentisch angesehen wird, andererseits aber auch im Rest des Landes, vor allem im Norden, verstanden wird. Am Beispiel des Espressokochers, der caffettiera, der in Bari als ciclatere bezeichnet wird, was aber ausserhalb niemand versteht, wurde deutlich gemacht, dass man hierbei an einigen Stellen Kompromisse eingehen muss … ich denke, in der Deutschschweiz kann man den Schmerz, auf besonders charakteristische Wörter der allgemeinen Verständlichkeit wegen verzichten zu müssen, gut nachvollziehen …

Wenn ich an die letzten Sommer in Bari denke, dann sind es vor allem zwei Musikfestivals, in deren Programm ich immer etwas Interessantes gefunden habe und die beide in diesem Jahr Teil der Festa del Mare sind. Das eine ist Bari in Jazz, das zwar Bari im Namen trägt, weil es ursprünglich mal von hier aus gestartet ist, das aber in den letzten Jahren vor allem in der Umgebung präsent war. Dieses Jahr kehrt es jedoch mit zwei Konzerten nach Bari zurück. Hauptspielort des Festivals ist das Minareto, ein ehemaliger Landsitz einer adligen Familie mit einem Minarett im arabischen Stil in der Nähe von Fasano. Für Bari in Jazz habe ich selbst in den letzten zwei Jahren ein paar Konzerte mit verschiedenen Bands der beiden Schweizer Musiker Lucas Niggli und Jan Galega Brönnimann mitorganisiert, die an diesem suggestiven Ort stattfanden. Mit ihren Bands, zu denen die afrikanischen Musiker Aly Keïta und Moussa Cissokho sowie der israelisch-schweizerische Musiker Omri Hason gehören, sind sie im Grenzbereich von Jazz und World Music unterwegs, eine Richtung, auf die Bari in Jazz immer ein besonderes Augenmerk hat. Auch dieses Jahr sind entsprechende Konzerte im Programm zu finden, und ich bin schon auf das Konzert der pakistanischen Sängerin Arooj Aftab gespannt, das am 2. August in Bari vor der Kathedrale San Nicola stattfinden wird.

Das andere ist das Locus-Festival, das seine Hauptbühne in einer wunderschön gelegenen und grosszügigen Masseria in Locorotondo hat, aber auch weitere Orte bespielt. Der Kern des Locus-Festivals findet erst Mitte August statt, aber im Juni hat es seinen Opener im Hafen von Bari gespielt. Schon zum dritten Mal nun kündigen sie Shabaka Hutchings mit seinen Sons of Kemet an, deren Tournee in den letzten beiden Jahren pandemiebedingt immer wieder abgesagt werden musste. Shabaka Hutchings gehört zu den innovativsten Jazzmusiker:innen der britischen (schwarzen) Jazzszene, der den Jazz in gewissen Sinne zu seinem Ursprung zurückführt, nämlich nicht Unterhaltungsmusik, sondern Ausdrucksmittel für politisches commitment zu sein. Ein fantastisches Solokonzert von ihm konnte ich 2018 beim unerhört!-Festival in Zürich hören, danach war klar, dass ich ihn unbedingt auch mit seiner Band Sons of Kemet live erleben will. Am 10. August nun soll das Konzert stattfinden, zu dem ich mit meiner Freundin, die ein Auto hat, gemeinsam fahren werde. Ich hoffe, dass es dieses Jahr – Pandemie hin oder her – endlich klappen wird, aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei … 

Und wer sich jetzt wundert, dass bisher gar keine Rede von der Tarantella war, an die die meisten ja zuallererst bei apulischer Musik denken, darf sich schon auf den nächsten Beitrag freuen, in dem es speziell um sie gehen wird.

---------------------------------------------

Von Büchern und Buchhandlungen in Bari

Die Region Apulien, die den tacco, also den Absatz des italienischen Stiefels bildet, hat in den letzten Jahren einen unübersehbaren Boom erlebt. Blauer Himmel, türkisfarbenes Meer, beigefarbener Stein, rotbraune Erde. Ein besonderes Licht, das diese Farbkontraste noch verstärkt. Vielgestaltige Landschaften, in denen weite Tomaten- und Getreidefelder von schroffem Karstgestein abgelöst werden, das wiederum in liebliche Mandel- und majestätische Olivenhaine übergeht. Geschichtsträchtige Städte und jede Menge kleiner Orte, die sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben. Gutes Essen mit vielen lokalen Spezialitäten und einer hohen Qualität der hier vor Ort erzeugten Lebensmittel.

Fast nichts davon ist bei näherem Hinsehen unproblematisch. Das Mittelmeer ist überfischt, der Kreuzfahrttourismus wächst, die zum Teil tausendjährigen Olivenbäume sind von Xylella bedroht, einem eingeschleppten Bakterium, das die Bäume von innen austrocknet. Qualifizierte, gut bezahlte Arbeit ist ein rares Gut, junge Menschen verlassen Apulien in Scharen Richtung Mailand, London oder Berlin. Afrikanische Immigrant*innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus werden auf apulischen Tomatenfeldern ausgebeutet, damit die Dose pelati, geschälte Tomaten, auch weiterhin zu einem unschlagbar günstigen Preis im Supermarkt zu haben ist.

Wo viel Licht ist, gibt es also − wie überall − auch jede Menge Schatten. Aber zu einem umfassenden Bild gehört noch ein weiterer Aspekt: die vielen Menschen, die hier jeden Tag etwas dafür tun, dass die Welt im Allgemeinen und Apulien im Speziellen zu einem besseren Ort wird. Insbesondere im Kulturbereich gibt es viele kleine Initiativen, viele Engagierte, die sich mit ungebrochenem Enthusiasmus dafür einsetzen, dass Kultur in all ihrer Vielfalt stattfindet. Die unentwegt – bei aller Aufgeschlossenheit technischen Neuerungen und digitalen Möglichkeiten gegenüber – Zusammenkünfte im analogen Raum organisieren, weil diese eben nicht nur die intellektuellen Bedürfnisse befriedigen, sondern auch die emotionalen.

Entsprechend war das durch die Pandemie erzwungene Herunterfahren des kulturellen Lebens dann auch ein gehöriger Einschnitt, nebst zeitweisen Einschränkungen von Treffen auch im privaten Bereich und der distanza sociale, die den Verzicht auf das in Süditalien selbstverständliche Herzen und Küssen zur Begrüssung und zur Verabschiedung bedeutete. Nach dem ersten langen Pandemiewinter brachte der Sommer im letzten Jahr ein wenig Entspannung und ein bisschen von der mediterranen Leichtigkeit zurück, und auch nach einem weiteren langen Winter scharren seit kurzem alle sprichwörtlich mit den Hufen, um endlich in den Kulturfrühling und -sommer zu starten.

Auch in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen im Zentrum von Bari geht es jetzt wieder los. Die Libreria 101 gehört zum Kreis unabhängiger Buchhandlungen, die in den letzten zehn Jahren in und um Bari nachgerade wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal nach langer Zeit für ein paar Wochen ausserhalb der Urlaubssaison nach Bari kam und mich über das Kulturleben informierte, fielen mir die zahlreichen Buchpräsentationen auf, die in kleinen Buchhandlungen stattfanden, von deren Existenz ich bis dato gar nichts wusste. Ich begann also Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen und diese mit neuen Augen zu betrachten. Wieviel hatte sich doch in den letzten Jahren verändert! Wie wenig glich dieses neue Bari der unzugänglichen und wenig einladenden Stadt, die ich in den Neunzigern kennengelernt hatte! Ich entdeckte die Buchhandlung Quintiliano, die vor Kurzem aus einer Schulbuchhandlung hervorgegangen war, die Buchhandlung Campus, die sich gerade von einer reinen Unibuchhandlung zu einer Literaturbuchhandlung mit breitem Spektrum mauserte, die Kinderbuchhandlungen Svoltastorie und Moby Dick (Letztere zusätzlich mit hochwertigem Spielzeug), die frisch gegründete alternative Buchhandlung Prinz Zaum (an die eine Bar angeschlossen ist), die Comicbuchhandlung Spine, die ganz auf Gedichte spezialisierte Buchhandlung Millelibri und irgendwann zwischendurch auch die Libreria 101.

Und das kam so: Eines Abends wurde ich von einer langjährigen Freundin in ein Bistro eingeladen und sah dort als Buch des Monats die gerade im römischen Verlag LʼOrma erschienene Übersetzung Doris, la ragazza mista seta des Kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun ausgestellt. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Ich war neugierig, wie diese Geschichte, die Anfang der 1930er-Jahre in Berlin spielt, hier in Süditalien ankam, und ging tags darauf also in die Libreria 101. In seinem langgestreckten Laden, in dem sich Bücherregale mit -tischen abwechseln, lernte ich Antonio Chieppa kennen, den Buchhändler, und er erzählte mir voller Begeisterung von seiner Keun-Lektüre. Seither ist die Libreria 101 eine meiner festen Anlaufstellen in der Stadt. In einem unserer zahlreichen Gespräche habe ich Antonio mal gefragt, wie es eigentlich zur Eröffnung der Libreria 101 kam, und er hat mir verraten, dass er als Shuttle-Fahrer gearbeitet habe, es aber immer sein grosser Traum gewesen sei, eines Tages eine Buchhandlung aufzumachen. Eine Besonderheit der Libreria 101, die im Herbst ihren fünften Geburtstag feiern wird, ist Antonios Entscheidung, als unabhängige Buchhandlung nur Bücher aus unabhängigen Verlagen zu führen und dabei die Verlage in ihrer jeweiligen Büchervielfalt zu präsentieren. Als ich von Antonio wissen wollte, wie viele Verlage das ungefähr seien, hatte er nicht sofort eine Antwort parat. Stattdessen begann er einen kurzen Rundgang durch seinen Laden und kam am Ende auf knapp einhundert. Was für eine beeindruckende Bibliodiversität der unabhängigen italienischen Verlagsszene!

Während das Buch auf der einen Seite als physisches Kulturgut weiterhin einen hohen Stellenwert besitzt, stellen Buchhandlungen auf der anderen Seite aber auch Orte des kulturellen Austauschs dar, und so bilden Veranstaltungen einen wesentlichen Teil ihrer Arbeit. Von Buchpräsentationen über Lesezirkel und Schreibworkshops bis zu speziellen Programmen für Kinder gibt es ein breites Angebot. Die Menschen in Bari wissen das zu schätzen und bedanken sich, indem sie − Bücher kaufen. Die verschiedenen Buchhandlungen, die hier in den letzten Jahren eröffnet haben, konnten sich alle etablieren, ja es sind in letzter Zeit sogar noch weitere dazugekommen, teilweise mit einer Bar oder einem Bistro verknüpft. Fast scheint es, als hätten die Leute nur auf diese letztendlich niedrigschwelligen Kulturangebote (der Eintritt ist in der Regel frei) gewartet, um für ihr Bedürfnis nach "echten Begegnungen" die entsprechenden Räume zu finden. Die Kommunikation erfolgt dabei fast ausschliesslich über Facebook (wegen der Möglichkeit, hier schnell und unkompliziert aktuelle Posts veröffentlichen zu können), eine eigene Webpräsenz hat kaum eine Buchhandlung, von eigenen Onlineshops ganz zu schweigen.

Auch für Antonio gehörten Buchpräsentationen von Anfang an zum Angebot der Libreria 101, wobei in Italien keine Lesungen veranstaltet werden, sondern die Bücher in Form einer Diskussion mit Autorin oder Autor vorgestellt werden. In der Regel läuft das alles "ehrenamtlich", und so kommen die Autor*innen dafür meistens aus dem nahen Umkreis. Der feste Kund*innenstamm, den sich Antonio mit seinen diversen Aktivitäten aufgebaut hat, hat ihm erfolgreich durch die Pandemie geholfen (in Italien galten Bücher als beni di prima necessità, also als Waren des Grundbedarfs, sodass Buchhandlungen geöffnet blieben). Aber auch die Verlage schätzen die Libreria 101 und ihren engagierten und kundigen Buchhändler und kommen gern bei ihm vorbei, um ihr aktuelles Programm vorzustellen. So auch dieser Tage, wenn Fabio Mendolicchio vom Verlag Miraggi aus Turin bei ihm Station machen wird. Mit einer zur Buchhandlung umgerüsteten 200er-Vespa fährt Mendolicchio in elf Tagen 4000 Kilometer durch Italien, um um die neusten Bücher aus seinem Verlag – das sind "diejenigen, die die anderen nicht machen" − vorzustellen. Sicher eine der ungewöhnlichsten Aktionen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, von wie viel Herzblut und (unbezahltem) Engagement die Szene der unabhängigen Verlage und Buchhandlungen in Italien getragen ist. Ein paar Tage danach kommt der in Brüssel lebende Gabriele Esposito vorbei, um seinen ersten Roman Tutto finisce con me vorzustellen, erschienen im Verlag Wojtek aus Pomigliano d'Arco nahe Neapel. Weitgereiste Gäste also für einen späten, aber dafür umso intensiveren Saisonneustart, denn bald schon wird es zu heiss sein, um die Leute zu Veranstaltungen in die Buchhandlung zu locken, und wer weiss, wie es dann im Herbst weitergehen wird …


bari_abend

Abend in Bari © Carola Köhler

Foto Blog 2

"Sei glücklich, du bist in Bari" – ein von Unbekannten auf den frangiflutti, den Wellenbrechern vor dem Lungomare, aufgestelltes Transparent, das das Lebensgefühl der Baresi insbesondere im Sommer ausdrückt ... © Carola Köhler

Bild Blog 1

Vor der Libreria 101 mit der zum mobilen Buchladen umgebauten Vespa des Verlags Miraggi. Zweiter von links Antonio Chieppa, rechts Fabio Mendolicchio. © Fabio Mendolicchio