Alle Gastbeiträge

Kulturnotizen aus Bari

---------------------------------------------

Von Büchern und Buchhandlungen in Bari

Die Region Apulien, die den tacco, also den Absatz des italienischen Stiefels bildet, hat in den letzten Jahren einen unübersehbaren Boom erlebt. Blauer Himmel, türkisfarbenes Meer, beigefarbener Stein, rotbraune Erde. Ein besonderes Licht, das diese Farbkontraste noch verstärkt. Vielgestaltige Landschaften, in denen weite Tomaten- und Getreidefelder von schroffem Karstgestein abgelöst werden, das wiederum in liebliche Mandel- und majestätische Olivenhaine übergeht. Geschichtsträchtige Städte und jede Menge kleiner Orte, die sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben. Gutes Essen mit vielen lokalen Spezialitäten und einer hohen Qualität der hier vor Ort erzeugten Lebensmittel.

Fast nichts davon ist bei näherem Hinsehen unproblematisch. Das Mittelmeer ist überfischt, der Kreuzfahrttourismus wächst, die zum Teil tausendjährigen Olivenbäume sind von Xylella bedroht, einem eingeschleppten Bakterium, das die Bäume von innen austrocknet. Qualifizierte, gut bezahlte Arbeit ist ein rares Gut, junge Menschen verlassen Apulien in Scharen Richtung Mailand, London oder Berlin. Afrikanische Immigrant*innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus werden auf apulischen Tomatenfeldern ausgebeutet, damit die Dose pelati, geschälte Tomaten, auch weiterhin zu einem unschlagbar günstigen Preis im Supermarkt zu haben ist.

Wo viel Licht ist, gibt es also − wie überall − auch jede Menge Schatten. Aber zu einem umfassenden Bild gehört noch ein weiterer Aspekt: die vielen Menschen, die hier jeden Tag etwas dafür tun, dass die Welt im Allgemeinen und Apulien im Speziellen zu einem besseren Ort wird. Insbesondere im Kulturbereich gibt es viele kleine Initiativen, viele Engagierte, die sich mit ungebrochenem Enthusiasmus dafür einsetzen, dass Kultur in all ihrer Vielfalt stattfindet. Die unentwegt – bei aller Aufgeschlossenheit technischen Neuerungen und digitalen Möglichkeiten gegenüber – Zusammenkünfte im analogen Raum organisieren, weil diese eben nicht nur die intellektuellen Bedürfnisse befriedigen, sondern auch die emotionalen.

Entsprechend war das durch die Pandemie erzwungene Herunterfahren des kulturellen Lebens dann auch ein gehöriger Einschnitt, nebst zeitweisen Einschränkungen von Treffen auch im privaten Bereich und der distanza sociale, die den Verzicht auf das in Süditalien selbstverständliche Herzen und Küssen zur Begrüssung und zur Verabschiedung bedeutete. Nach dem ersten langen Pandemiewinter brachte der Sommer im letzten Jahr ein wenig Entspannung und ein bisschen von der mediterranen Leichtigkeit zurück, und auch nach einem weiteren langen Winter scharren seit kurzem alle sprichwörtlich mit den Hufen, um endlich in den Kulturfrühling und -sommer zu starten.

Auch in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen im Zentrum von Bari geht es jetzt wieder los. Die Libreria 101 gehört zum Kreis unabhängiger Buchhandlungen, die in den letzten zehn Jahren in und um Bari nachgerade wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal nach langer Zeit für ein paar Wochen ausserhalb der Urlaubssaison nach Bari kam und mich über das Kulturleben informierte, fielen mir die zahlreichen Buchpräsentationen auf, die in kleinen Buchhandlungen stattfanden, von deren Existenz ich bis dato gar nichts wusste. Ich begann also Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen und diese mit neuen Augen zu betrachten. Wieviel hatte sich doch in den letzten Jahren verändert! Wie wenig glich dieses neue Bari der unzugänglichen und wenig einladenden Stadt, die ich in den Neunzigern kennengelernt hatte! Ich entdeckte die Buchhandlung Quintiliano, die vor Kurzem aus einer Schulbuchhandlung hervorgegangen war, die Buchhandlung Campus, die sich gerade von einer reinen Unibuchhandlung zu einer Literaturbuchhandlung mit breitem Spektrum mauserte, die Kinderbuchhandlungen Svoltastorie und Moby Dick (Letztere zusätzlich mit hochwertigem Spielzeug), die frisch gegründete alternative Buchhandlung Prinz Zaum (an die eine Bar angeschlossen ist), die Comicbuchhandlung Spine, die ganz auf Gedichte spezialisierte Buchhandlung Millelibri und irgendwann zwischendurch auch die Libreria 101.

Und das kam so: Eines Abends wurde ich von einer langjährigen Freundin in ein Bistro eingeladen und sah dort als Buch des Monats die gerade im römischen Verlag LʼOrma erschienene Übersetzung Doris, la ragazza mista seta des Kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun ausgestellt. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Ich war neugierig, wie diese Geschichte, die Anfang der 1930er-Jahre in Berlin spielt, hier in Süditalien ankam, und ging tags darauf also in die Libreria 101. In seinem langgestreckten Laden, in dem sich Bücherregale mit -tischen abwechseln, lernte ich Antonio Chieppa kennen, den Buchhändler, und er erzählte mir voller Begeisterung von seiner Keun-Lektüre. Seither ist die Libreria 101 eine meiner festen Anlaufstellen in der Stadt. In einem unserer zahlreichen Gespräche habe ich Antonio mal gefragt, wie es eigentlich zur Eröffnung der Libreria 101 kam, und er hat mir verraten, dass er als Shuttle-Fahrer gearbeitet habe, es aber immer sein grosser Traum gewesen sei, eines Tages eine Buchhandlung aufzumachen. Eine Besonderheit der Libreria 101, die im Herbst ihren fünften Geburtstag feiern wird, ist Antonios Entscheidung, als unabhängige Buchhandlung nur Bücher aus unabhängigen Verlagen zu führen und dabei die Verlage in ihrer jeweiligen Büchervielfalt zu präsentieren. Als ich von Antonio wissen wollte, wie viele Verlage das ungefähr seien, hatte er nicht sofort eine Antwort parat. Stattdessen begann er einen kurzen Rundgang durch seinen Laden und kam am Ende auf knapp einhundert. Was für eine beeindruckende Bibliodiversität der unabhängigen italienischen Verlagsszene!

Während das Buch auf der einen Seite als physisches Kulturgut weiterhin einen hohen Stellenwert besitzt, stellen Buchhandlungen auf der anderen Seite aber auch Orte des kulturellen Austauschs dar, und so bilden Veranstaltungen einen wesentlichen Teil ihrer Arbeit. Von Buchpräsentationen über Lesezirkel und Schreibworkshops bis zu speziellen Programmen für Kinder gibt es ein breites Angebot. Die Menschen in Bari wissen das zu schätzen und bedanken sich, indem sie − Bücher kaufen. Die verschiedenen Buchhandlungen, die hier in den letzten Jahren eröffnet haben, konnten sich alle etablieren, ja es sind in letzter Zeit sogar noch weitere dazugekommen, teilweise mit einer Bar oder einem Bistro verknüpft. Fast scheint es, als hätten die Leute nur auf diese letztendlich niedrigschwelligen Kulturangebote (der Eintritt ist in der Regel frei) gewartet, um für ihr Bedürfnis nach "echten Begegnungen" die entsprechenden Räume zu finden. Die Kommunikation erfolgt dabei fast ausschliesslich über Facebook (wegen der Möglichkeit, hier schnell und unkompliziert aktuelle Posts veröffentlichen zu können), eine eigene Webpräsenz hat kaum eine Buchhandlung, von eigenen Onlineshops ganz zu schweigen.

Auch für Antonio gehörten Buchpräsentationen von Anfang an zum Angebot der Libreria 101, wobei in Italien keine Lesungen veranstaltet werden, sondern die Bücher in Form einer Diskussion mit Autorin oder Autor vorgestellt werden. In der Regel läuft das alles "ehrenamtlich", und so kommen die Autor*innen dafür meistens aus dem nahen Umkreis. Der feste Kund*innenstamm, den sich Antonio mit seinen diversen Aktivitäten aufgebaut hat, hat ihm erfolgreich durch die Pandemie geholfen (in Italien galten Bücher als beni di prima necessità, also als Waren des Grundbedarfs, sodass Buchhandlungen geöffnet blieben). Aber auch die Verlage schätzen die Libreria 101 und ihren engagierten und kundigen Buchhändler und kommen gern bei ihm vorbei, um ihr aktuelles Programm vorzustellen. So auch dieser Tage, wenn Fabio Mendolicchio vom Verlag Miraggi aus Turin bei ihm Station machen wird. Mit einer zur Buchhandlung umgerüsteten 200er-Vespa fährt Mendolicchio in elf Tagen 4000 Kilometer durch Italien, um um die neusten Bücher aus seinem Verlag – das sind "diejenigen, die die anderen nicht machen" − vorzustellen. Sicher eine der ungewöhnlichsten Aktionen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, von wie viel Herzblut und (unbezahltem) Engagement die Szene der unabhängigen Verlage und Buchhandlungen in Italien getragen ist. Ein paar Tage danach kommt der in Brüssel lebende Gabriele Esposito vorbei, um seinen ersten Roman Tutto finisce con me vorzustellen, erschienen im Verlag Wojtek aus Pomigliano d'Arco nahe Neapel. Weitgereiste Gäste also für einen späten, aber dafür umso intensiveren Saisonneustart, denn bald schon wird es zu heiss sein, um die Leute zu Veranstaltungen in die Buchhandlung zu locken, und wer weiss, wie es dann im Herbst weitergehen wird …


Bild Blog 1

Vor der Libreria 101 mit der zum mobilen Buchladen umgebauten Vespa des Verlags Miraggi. Zweiter von links Antonio Chieppa, rechts Fabio Mendolicchio. © Fabio Mendolicchio