Frühere Gastbeiträge

Kulturnotizen aus Sarajevo

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Kaffee, Rakija und Freunde

Wie kann das sein, dass Leute mitten am Tag im Stadtzentrum Kaffee trinken – das fragen sich alle, die zum ersten Mal nach Sarajevo kommen. Kaffee ist billig und normalerweise kann man stundenlang mit einem Kaffee am gleichen Ort bleiben. Kaffee hat man zu trinken begonnen, als man angefangen hat auszugehen – im Gymnasium. Wenn man Studentin oder Student ist, ist jede Pause eine Kaffeepause. Wenn man arbeitslos ist – nun, was sollte man sonst tun ...

Der Kult, der das Kaffeetrinken in Bosnien begleitet, ist mit dem privaten Bereich verbunden. Die Hausfrau (domaćica) bereitet ihn zu und serviert ihn. Kaffee zum ersten Mal zu servieren, ist so etwas wie eine Initiation für junge Frauen. Wir haben sogar unterschiedliche Namen für Kaffee in unterschiedlichen Situationen. Dočekuša ist der Kaffee, mit dem man Gäste willkommen heisst (er wird gewöhnlich serviert, ohne dass er angeboten worden ist), razgovoruša ist der zweite Kaffee, der die Konversation in Gang bringen soll; und sikteruša ist der Kaffee, den man zu später Stunde serviert, um den Gästen zu signalisieren, dass sie schon zu lange geblieben sind.

Rakija hingegen gehört zum öffentlichen Bereich. Der richtige Rakija wird aus vergorenen Pflaumen zubereitet oder aus Weinblättern, daneben gibt es andere mit speziellen Namen: Viljamovka (Birnen-Rakija), orahovača (Walnuss), višnjevača (Kirsche), medovača (Honig) ... Wenn ich Ihnen sage, dass ich an unseren Familienzusammenkünften, sei es am Picknick zum 1. Mai oder an der Neujahrsparty, meine Tanten kaum Alkohol trinken sehe, werden Sie verstehen, wieso Sie oder Ihre Freundin die einzigen Frauen in der lokalen Kneipe (birtija) sind, die Ihnen auf Facebook für das "authentische Gefühl" empfohlen worden ist. Sie sollten wissen, dass ein Teil der Authentizität in der hohen Wahrscheinlichkeit besteht, angestarrt oder mit einer Zeile eines Volksliedes angesprochen zu werden: Šta će dama sama u kafani? (Was macht eine Dame allein in einer Bar?) Schlimmer als eine Frau, die Alkohol trinkt, ist nur eine Frau, die ihn alleine trinkt.

Aber das gilt nicht nur für diese kleinen Kneipen mit den karierten Tischtüchern, mit der Volksmusik, dem hausgemachten Rakija und den Literflaschen Sarajevsko-Bier. Jedes Mal wenn ich mit meiner Freundin Klaudija in die Bar unseres Quartiers gehe, auf einen Kaffee am Sonntagmorgen oder abends auf ein Bier, sind wir die einzigen Frauen. Wir achten auch nicht auf die Fussballspiele oder den Teletext mit den Sportresultaten.

Je näher man beim Stadtzentrum wohnt, desto mehr Optionen hat man. Neulich ging ich mit Sanja und Nenad ins Libertad. Es befindet sich halbwegs zwischen Otoka, wo wir wohnen, und dem Stadtzentrum. Jemand empfahl mir das Lokal als ein Ort, wo man tagsüber arbeiten und abends Spass haben kann. In dem Moment, als ich das Lokal betrat, erinnerte ich mich auch wieder, wer es mir empfohlen hatte. Selma, meine allereinzige Hipster-Freundin (die aber von sich selber sagt, sie sei einfach eine Einzelgängerin, kein Hipster), die Hipster-Lokale liebt. Ja, wir sind Freundinnen, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob ich Ihnen eine korrekte Definition eines Hipster-Lokals geben kann. Vintage Möbel gehören dazu, da bin ich sicher. Ebenso zusammengewürfelte Stühle und Sofas. Und alle diese Bilder von Revolutionären an der Wand, die den Namen des Libertad-Lokals rechtfertigen ...

Als wir ins Gymnasium gingen scherzte meine Grossmutter jedesmal, wenn mein Bruder, meine Schwestern oder ich sagten, dass wir einen Kaffee trinken gehen würden: "Ich kann Euch Kaffee machen. Ihr braucht nicht auszugehen." Wenn ich sie heute in Zenica besuche, geniesse ich es, ein wenig früher aufzustehen, um noch einen Morgenkaffee mit ihr zu trinken und auf den neusten Stand zu kommen, was mit ihren Nachbarinnen und ihren Seifenopern-Heldinnen los ist. Endlich erinnert sie sich auch, dass ich meinen Kaffee schwarz trinke, ohne Zucker, aber sie stellt ihn immer noch auf den Tisch. Zucker in Form von kleinen Würfeln natürlich. "Er hat sich von ihr scheiden lassen. Stell Dir vor, sie hat ihren ganzen Lohn fürs Ausgehen ausgegeben und sie rührte keinen Finger im Haushalt. Er musste seine Wäsche zu seiner Mutter bringen und auch dort essen. Denn sie wollte nicht einmal kochen. Schande über sie." Manchmal halte ich dagegen, manchmal weiss ich es besser. "Nimm doch wenigstens einen Keks." Ich nehme immer einen Keks.

Heute muss ich nicht mehr ausgehen, um mit meinen Freunden einen Kaffee zu trinken. Ich kann Ihnen einen italienischen Mokka, einen Illy-Espresso oder sogar einen traditionellen (oder einheimischen, bosnischen, türkischen, wie auch immer Sie ihn nennen wollen) Kaffee anbieten. Normalerweise vergesse ich, dass die Leute Milch oder Zucker nehmen könnten, aber Nenad erinnert sich immer daran, den Gästen einen Eimer voll mit Zuckerpäckchen anzubieten. Zuckerpäckchen, die wir (ok, vor allem ich) während Jahren gesammelt haben. Sie können sich Zucker aus unserer Lieblings Caffé-Bar Luka in Šipan nehmen, oder vom Hotel Konak, wo wir diese köstliche Forelle assen, oder vom Hvaranin in Split, wo Sie unbedingt pašticada versuchen müssen. Der Zucker der Villa Caribe ist von Formia und kommt zusammen mit Nenads Geschichte, wie man dort mozzarella di buffalo macht. Hier sind alle Lokale, in die ich mit Ines in Zenica gehe: das Passage, die Theater Bar, Bourdaux. Erinnern Sie sich, dass das heutige Mr. Charlie Chaplin früher das Kuća war, das noch früher das Tito war? Ja, vielleicht graben Sie sogar ein Caffé Tito-Zuckerpäckchen aus! Oder das Zuckerpäckchen von der Galerija Boris Smoje. Wir haben sogar ein paar Würfelzucker aus Istanbul, und Zuckerersatz aus Amerika. Und Päckchen, die mir Aida von Kambodscha mitgebracht hat. Ein Eimer voller Geschichten.

Nun, meine Art Lokal ist dasjenige, wo ich mich alleine, aber auch in Gesellschaft mit anderen wohlfühle. Wo die Musik gut ist (keine Volksmusik, kein Turbofolk) und nicht zu laut. Wo einen niemand stört. Nicht die Kellner, und auch nicht die anderen Leute. Egal, wie man angezogen ist, was man liest, oder mit wem man zusammen ist.

Daheim entspricht dieser Definition. Wir warten immer noch auf einen besonderen Anlass, um diesen speziellen Kaffee zuzubereiten, den Nenad von Marina, seiner Tochter, erhalten hat, als sie in Bali war. Können Sie sich das vorstellen? Ein Tier isst Kaffeebohnen und wir trinken dann das, was unverdaut zurückgeblieben ist. Wenn das nicht so Ihr Ding ist, wir haben auch noch von diesem tollen Rakija, den unser Freund Enes zubereitet.

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Ordnung ist das halbe Leben

Über Linguistik und andere Arten der Reinheit

Am Internationalen Tag der Muttersprachen, am 21. Februar, sprechen die Journalisten gerne darüber, wie gut wir die Rechtschreibung beherrschen. Sie reden über die Wichtigkeit, unsere Sprache zu pflegen und sicher zu bewahren (oder wie lässt sich očuvanje sonst übersetzen?). Ausgehend von dem, was man zu dieser und ähnlichen Gelegenheiten in den Medien lesen und hören kann, ist dies auch das Verständnis der breiten Bevölkerung von Sprache. Schulen, Medien und Schriftsteller sollten unsere Sprache feiern, sie pflegen; Linguisten sollten sie sauber halten. Aber vor wem schützen wir denn die Sprache? Oder wer macht sie denn schmutzig? Niemand erinnert sich daran, diese Fragen zu stellen.

Reine Sprache, nationalistische Absichten

Fünf Tage nach dem Tag der Muttersprache hielt Snježana Kordić an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo einen Vortrag über die Sprache als Mittel der ideologischen Propaganda. Professorin Snježana Kordić ist bekannt für ihre Studie Sprache und Nationalismus (2010), in der sie bewies, dass Sprachpurismus ein Werkzeug der nationalistischen Propaganda in Kroatien ist. Der Titel ihres Buches gab dem regionalen Projekt, Sprachen und Nationalismen, seinen Namen. Das Projekt endete mit der Deklaration zur gemeinsamen Sprache

Eines der Paradoxe der Sprache, die sie in ihrem Buch und an diesem Vortrag hervorhob, ist die Tatsache, dass die meisten "kroatischen" Wörter, also Wörter, die kroatische Linguisten fördern, solche sind, die niemand verwendet. Purismus führt uns an den Punkt, wo wir sprechen sollten, wie das die Linguisten von uns verlangen und nicht wie die Mehrheit der Sprechenden tatsächlich spricht.

Um ihr Argument zu belegen, erzählte Snježana Kordić eine Geschichte über den Linguisten Dalibor Brozović, der damit prahlte, dass er sich hinsetzen und neue kroatische Wörter erfinden könnte. Doch dann beklagte er sich darüber, dass die Serben nun jedes Wort, das er erfunden hatte, verwendeten. Wir können also sehen, dass dieser Purismus zwei Zwecke verfolgt. Einerseits will er uns glauben machen, dass es einmal ein Goldenes Zeitalter unserer Nation gab, als unsere Sprache noch rein und unverseucht war. Andererseits wollen wir uns durch die Erfindung von neuen oder der Wiederverwendung von alten Wörtern von unseren Nachbarn unterscheiden. Ein echter Kroate zu sein, bedeutet demzufolge, kein Serbe zu sein.

Einmal war ich zum Internationalen Tag des Lesens und Schreibens in das Morgenprogramm einer lokalen TV-Station eingeladen worden, und mein Gastgeber bat mich, den Sprachgebrauch in einem Filmsegment, das sie gerade gezeigt hatten, zu kommentieren. Der Journalist hatte Leute auf dem offenen Markt über den Preis des Gemüses befragt, und ich sollte nun ihre Fehler auflisten. Was? Ihren Mangel an Bildung und ungenügende Lesekenntnisse bestätigen?! Stattdessen sprach ich über Code-Switching und unterschiedliche funktionsspezifische Sprechweisen. Aber offenbar gibt es Linguisten, so behauptete es Snježana Kordić, die sich einer solchen Aufforderung fügen. Im nationalen kroatischen TV-Sender, im Anschluss an das Nachmittagsprogramm, kommentieren regelmässig zwei ProfessorInnen im Studio den Sprachgebrauch von Gästen und interviewten Personen.

In zwei Schritten von Reinheit zum Faschismus

Wenn wir über Reinheit sprechen gelangen wir in wenigen Schritten zum Faschismus. Nehmen Sie zum Beispiel einen einfachen, naiven Artikel aus dem Internet: Studie enthüllt die Händewaschgewohnheiten der Europäer, veröffentlicht vom Forschungsinstitut WIN/Gallup International. Die Frage der Umfrage lautete: Waschen Sie Ihre Hände mit Wasser und Seife, nachdem Sie die Toilette benutzt haben? Der Artikel tauchte in meinen Facebook-Feed auf, weil Bosnien und Herzegowina der Sieger dieser Umfrage war. 96% der Menschen in Bosnien und Herzegowina waschen ihre Hände nach einem Toilettengang. Zum Vergleich, in der Schweiz sind es 73%.

Welcher Art von Debatte könnte nun eine solche Umfrage wohl dienen? Um über Gesundheit zu sprechen? Gute Manieren? Nein. Die Kommentare zu diesem Artikel drehten sich um Rasse und Religion. Ein Kommentar begann mit dem Satz: "Proud to be Portuguese ...!" Ein anderer gibt eine Erklärung: "Most people in Bosnia are muslim ... and that is why they have a greather sence for hygien than most of the european countrys ..." (sic!) Die restlichen Kommentare drehten sich um Fehler auf der abgebildeten Europakarte.

Ok, ich wasche meine Hände mit Wasser und Seife nach der Benutzung einer Toilette. Zuhause. In Restaurants, sicher. In Cafés und Bars wird es allerdings zu einer Lotterie, ob es dort Toilettenpapier und Seife gibt. In Supermärkten ... vergessen Sie es. In öffentlichen Gebäuden? Wenn Sie eine Ärztin oder ein Lehrer sind, und falls Sie einen Schlüssel haben, ja, dann können Sie Ihre Hände waschen. StudentInnen und PatientInnen haben sicher Taschentücher ... Um zum Schluss zu kommen: Ich habe keine Ahnung, wie das Forschungsinstitut auf diese Zahlen gekommen ist.

Wie uns bereits Mary Douglas gelehrt hat, ist der Zweck der Reinheit, die Ordnung in der Gesellschaft aufrecht zu halten. Als wir aufwuchsen, wurde meiner Schwester und mir beigebracht, unsere Hände vor dem Essen zu waschen, nicht während des Essens zur Toilette zu gehen, alles was sich im Haus befindet zu waschen, zu schrubben, zu polieren, zu reinigen, zu wischen, unsere Schuhe auszuziehen und sie vor dem Haus anzuziehen, unsere abgeschnittenen Nägel hinunterzuspülen, keine Krümel im Haus zu verteilen und dann eine Dusche zu nehmen, wenn der Strom günstig ist. Meinem Zwillingsbruder wurden die gleichen Regeln beigebracht, abzüglich des Teiles mit dem Waschen, Schrubben und Polieren. Frauen können das besser, wie das die selbsterfüllende Prophezeiung sagen würde. Allerdings galten die Sauberkeitsregeln nur bis zur Haustüre. Sollen sich andere um die Sauberkeit in ihren eigenen Häusern sorgen.

Aber die Regeln ergeben für mich keinen Sinn mehr. Wenn ich mein Haus sauber halte und es schaffe die Kakerlaken (übrigens heissen die bubašvabe oder rusi, also Schwabenkäfer oder Russen ... purer Rassismus) loszuwerden, dann gehen sie einfach zu meinem Nachbarn, und bald kommen sie dann auch wieder zurück. Wenn ich mein Haus tadellos sauber halte, überzeuge ich vielleicht den Nachbarn davon, dass alles in Ordnung ist. Aber es hilft mir nicht, mit welchem Problem auch immer fertig zu werden, das ich mit dem Schmutz wegzuschrubben versuche.

Snježana Kordić beweist immer und immer wieder, dass es eine nationalistische Ideologie ist, die zur Reinigung der Sprache treibt, indem Wörter erfunden werden und andere verboten – die gleiche Ideologie, die die Leute im Balkan davon überzeugen will, dass wir (vier!) verschiedene Sprachen sprechen, trotz des gesunden Menschenverstands und der Tatsache, dass wir uns gegenseitig problemlos verstehen. Was sagen Bosniakische Nationalisten dazu? Ein paar Tage nach dem Vortrag, brandmarkten sie Snježana Kordić in ihrem propagandistischen Pamphlet "Stav", das sie als wöchentliches Magazin für Politik, Gesellschaft und Kultur ausgeben, als ehrlose Hexe. Die Liste ihrer Sünden ist nicht sehr lang, sie hat im Titel und im Lead des Artikels Platz: Einmal mehr leugnete sie die Existenz der bosnischen Sprache durch die Förderung von Sprach-Hegemonismus und den Vergleich der Verfassung Bosnien-Herzegowinas mit den Hitler Gesetzen.

Selbst wenn die Leute sagen, dass es sie nur interessiert wie sauber ihre eigenen Häuser sind, ist es doch Tatsache, dass man diese immer mit den Häusern der Nachbarn vergleicht. Und wenn man die verschiedenen Nationalismen betrachtet, sieht man, dass sie alle gleich sind. Verletzlich. Ohne Ordnung und den Anderen als Feind fallen sie ganz einfach auseinander. Ob der Andere nun ein anderer Nationalismus ist oder eine Frau, die sich offen gegen Nationalismus zur Wehr setzt.

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Merlinka. Ein Wochenende der Freiheit

"I love gay people in Sarajevo"

Als wir in der Kneipe zusammen sassen, erinnerte uns ein Freund daran, dass wir noch unsere Teilnahme am Merlinka Queer Film Festival vom kommenden Wochenende, dem 25./26. Januar, bestätigen sollten. Wir alle wussten, wie wichtig es ist, öffentlich Unterstützung zu zeigen, und wir alle klickten noch am gleichen Abend in Facebook auf "Teilnehmen" am Merlinka u Sarajevu.

Weisst Du, als wir vor einem Monat wandern gingen, beginnt Lejla eine ihrer zahlreichen Geschichten zum Thema wie es ist, in Sarajevo homosexuell zu sein, da schlug ein Freund vor, ich solle eine Rainbow-Flagge mitbringen und sie auf dem Gipfel des Visočica hissen. Wir waren ungefähr dreissig Personen, qSport hatte den Ausflug organisiert. Als wir hinaufstiegen, war meilenweit keine lebende Seele in Sicht, bis wir auf einem kleineren Gipfel ankamen. Da hörten wir plötzlich eine Männerstimme, die von einem benachbarten Berggipfel aus rief, "Packt diese Flagge ein!" Schräg! Ich habe ihn einfach ignoriert. Und als wir schliesslich an unserem Ziel angelangt sind, dem Crveni kuk, liess ich die Flagge über meinem Kopf wehen. Aber nein! Dieser Mann ist uns gefolgt. Er begann mich anzubrüllen, "Pack diese Flagge ein! Leg sie auf den Boden!" Wir waren dreissig, und doch begannen einige der anderen Wanderer unserer Gruppe auf mich einzuschreien, ich solle tun, was der Mann verlange. So warf ich die Flagge auf den Boden.

Wenn jemand von uns unter diesen dreissig Personen gewesen wäre, hätten wir dem Mann gehorcht oder hätten wir einen Streit begonnen? Hätten wir die Flagge in die Höhe gehalten? Oder, da es hier ja nicht um Flaggen geht: Wieso ist es so schwierig, sich einen sicheren Raum vorzustellen?

Merlinka, bemerke ich scherzhaft, ist einer der sichersten Plätze in Sarajevo. In der Nähe des Art-Kinos Kriterion, wo dieses Jahr nun die sechste Ausgabe des Festivals stattfindet, kann man die Polizei in den maricas (schwarze, schussichere Kastenwagen) patrouillieren sehen, Sicherheitsleute an der Tür, Sanitäter gleich beim Eingangsfenster. Ob wir für sie wohl einfach eine interessante Attraktion sind, ein guter Ersatz für die Reality Show, die sie sonst zuhause im Fernsehen schauen würden? Nun, letztes Jahr haben sie sich darüber beschwert, dass sie die ganze Nacht über stehen mussten. Da haben wir ihnen diesen Bereich gleich beim Eingang zur Verfügung gestellt, erklärte ein Mitglied des Sarajevski otvoreni centar, das das Festival organisiert.

Schau bloss alle diese Paare, die sich küssen. Und das Gedränge. Und die Musik. Wir könnten fast in Amsterdam sein, kommentiert Sanne die Szenerie. Wow, diese beiden hier verstehen sich wirklich sehr gut, setzen wir unseren trač fort. Ein bisschen neidisch, dass es zu der Zeit als wir zwanzig-und-etwas waren, noch kein Merlinka und noch keinen Gemeinschaftssinn für uns gab. Ein bisschen albern, denn mit dreissig-und-etwas sind wir ja noch lange nicht alt!

Sorry, ich habe grad mit Ena gesprochen, mischt sich Aida in das Gespräch ein. Ich kann es kaum glauben. Sie hat mir gerade erzählt, wie sie ihr Coming out bei ihren Eltern im Alter von 14 Jahren hatte. Meine Eltern wussten gar nichts ... Teufel nochmal, ich wusste nicht einmal, dass es andere Leute wie mich gab, bis ich 26 war.

Und wie war das für die älteren Generationen? Wie war es in jenen Zeiten? Wie fanden sie sich gegenseitig? Während des Schreibens an diesem Artikel erinnerte ich mich an die Geschichte Bella Ciao von Lejla Kalamujić, aus ihrem Buch Zovite me Esteban (Mein Name sei Esteban). Die Erzählerin in der Geschichte stellt Bella genau diese Fragen – als sie zum ersten Mal nach deren Tod in Gedanken mit ihr spricht. Denn ein Schweige-Code umgab diese anders aussehende Sängerin, die sich nie verheiratet hatte, die alleine lebte und alleine starb und die sich gleich nach dem Krieg selber ein Haus baute. An diesem Merlinka-Wochenende wurde dieser Schweige-Code, die Sprache des Schweigens, von der Sprache der Liebe abgelöst.

Vor der Filmvorführung am nächsten Tag erzählte ich meiner Freundin von der Performance des Vorabends, die ich leider nicht ganz verstanden hatte. Der Mann, in sexy glitzernden Höschen, umgeben von aufgeblasenen Kondomen, die er ständig aufplatzen liess, wiederholte ununterbrochen: I love being gay. Während das Mädchen, nackt, bekleidet mit Penissen anstelle eines Höschens, wiederholte: I love gay people. Sie sagten auch andere Dinge, aber weder ihre Worte noch der Blowjob, den sie im Laufe der Performance vorführten, waren auf irgendeine Art und Weise schockierend. Schliesslich war Merlinka. Wir alle lieben homosexuelle Leute hier. Aber ok, nackte Menschen auf einer Bühne in Sarajevo, das ist schon sehr beeindruckend.

Weisst Du, vor vier Jahren am Merlinka, beendet Lejla eine ihrer Geschichten zum Thema wie es ist, eine Aktivistin in Sarajevo zu sein, als diese Typen uns angriffen, da waren sie nur vierzehn. Wir waren, ich weiss auch nicht genau, dreissig oder fünfzig. Aber sie schafften es, uns einzuschüchtern, weil sie zu schreien begannen. Es spielt also keine Rolle, wie viele Leute es sind. Alles was zählt ist, wie laut man ist.

Merlinka, ein queeres Festival, an dem Filme gezeigt werden, Performances, Musik, ist eine Übung darin, gehört zu werden. Wir haben immer noch einen langen Weg vor uns, bis ganz Sarajevo und Bosnien ein sicherer Platz geworden sind. Aber wie die Erzählerin in Lejla Kalamujić's Geschichte am Ende sagt, es ist für uns einfacher, denn andere vor uns haben bereits die gleichen Kämpfe gekämpft. Und Bessere und Tapferere werden nach uns kommen. Von dem her, was wir im Kriterion sehen konnten, sind sie schon hier.


Unser Gast aus Sarajevo

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Sandra Zlotrg ist Linguistin und leitet in Sarajevo den Verein für Sprache und Kultur "Udruženje Linguisti", der sich um die Förderung des Erlernens von Sprachen bemüht. Seit 2007 arbeitet sie als Professorin für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch als Fremdsprache. Ihr Studium hat sie 2016 an der Philosophischen Fakultät Sarajevo zum Thema "Geschlecht und Jargon" abgeschlossen.  Für das Parlament Bosnien und Herzegowinas verfasste sie eine Handreichung zum geschlechtersensiblen Sprachgebrauch. Weiter ist sie Mitarbeiterin bei "Školegijum", einem Magazin zur Rechtserziehung.


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Für Gäste ein Eimer voll Zuckerpäckchen mit ihren Geschichten ...
Foto © Sandra Zlotrg

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Snježana Kordić an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo.
Foto © Amela Balić

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Merlinka Festival, Januar 2018, Sarajevo
© Sarajevski otvoreni centar