Elif Shafak

Der Bastard von Istanbul

Ein Buch wie ein Naturereignis: es packt und lässt nicht mehr los. Schauplätze sind Istanbul und die USA. Hauptthema ist Schuld und Sühne sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien, die, ohne es zu wissen, übers Kreuz miteinander verstrickt sind. Das wird langsam aufgerollt, als die junge Armanoush, Mutter US-Amerikanerin, Vater Armenier, beschliesst, heimlich zur Familie ihres türkischen Stiefvaters nach Istanbul zu fahren, um den familiären armenischen Wurzeln nachzuforschen, in der Hoffnung, sich dabei selber zu finden. Ihr Stiefvater ist der verlorene Sohn einer Familie, die noch aus vier, jetzt in die Jahre gekommenen Töchtern besteht.

Mädchen bedeutetem dem Vater wenig, aber der ist tot, und Elif Shafak lässt sie zu starken, eigensinnigen Frauen wachsen, die ihre Eigenständigkeit der Gesellschaft abtrotzen – und die man einfach gern haben muss, so verschroben wie sie sind. Sie wohnen zusammen im gleichen Haus, mit Grossmutter und Urgrossmutter und der unehelichen Asya, Tochter der jüngsten der vier Frauen. Wie Armanoush leidet Asya an den Symptomen des Erwachsenwerdens. Auf Streifzügen durch Istanbul freunden sich die beiden an. Armanoush gehen die Augen auf, denn die Stadt ist so ganz anders als von der Exil-Community im Armenier-Chat behauptet, ist differenzierter, vielschichtiger, verwirrender. Und so hintergründig wie die Geschichte ihrer armenischen (und türkischen) Familie. Nichts ist, wie es zu sein scheint. Und dass der verlorene Sohn nach 20 Jahren zu seiner Familie nach Istanbul zurückkehrt, um seine Stieftochter Armanoush in die Staaten zurückzuholen, ist auch kein Happyend. Schon gar nicht für ihn selber.

Ein so komplexer Plot könnte leicht künstlich wirken, aber das tut er keine Sekunde. Elif Shafak verwebt die Erzählstränge meisterhaft zu einem bunten Kilim, auf dem man ihr leichtfüssig von Ort zu Ort der Handlung und durch alle Zeitsprünge vor- und rückwärts gerne folgt. Gerade die Rückblenden machen das Buch zum Page-Turner, der zum Schluss die Spannung nochmals steigert wie ein Thriller, angereichert mit Humor, einer Prise magischen Realismus und einem zauberhaften Märchen als Erzählung in der Erzählung. Und sollte man sich im vielen Personal mit lauter komplizierten Namen doch verheddert haben, hilft die Autorin mit einem Resümee, das organisch in die Familiengeschichte eingearbeitet ist. Eine Rolle für sich spielt die türkische Nationalspeise Ashure, und dies nicht nur, weil deren Zutaten die Titel der Kapitel bilden, beginnend mit Zimt. Das Rezept ist abgedruckt, nachkochen durchaus empfehlenswert. Allerdings sollte man es ohne die als letzte Kapitelüberschrift genannte Ingredienz zubereiten. Maya Doetzkies

Klappentext:

Armanoush ist neunzehn Jahre alt, intelligent und schön – doch sehnt sie sich danach, mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. Sie, die ihr ganzes Leben bei ihrer Mutter und ihrem türkischen Stiefvater in den USA verbracht hat und deren richtiger Vater Armenier ist, entschliesst sich schliesslich zu einer Reise nach Istanbul. Dort angekommen weiss sie jedoch bald nicht mehr, worüber sie sich mehr wundern soll: über die herzliche Gastfreundschaft im Haus der Verwandten ihres Stiefvaters, die skurrilen Charaktere der ausschliesslich weiblichen Bewohner oder die völlige Ignoranz gegenüber der türkisch-armenischen Geschichte. Nur das jüngste Mitglied der Familie, die vaterlos aufgewachsene Asya, kann verstehen, warum Armanoush so viele Fragen stellt. Gemeinsam ergründen sie ein Geheminis, das die Familie bereits seit hundert Jahren belastet und eng mit einem der dunkelsten Kapitel des Landes verbunden ist.

Über die Autorin / über den Autor:

Elif Shafak gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei und ist die preisgekrönte Autorin von dreizehn Büchern, darunter Die vierzig Geheiminisse der Liebe (2013), Ehre (2014) und Der Architekt des Sultans (2015). Infolge der Veröffentlichung von Der Bastard von Istanbul (2007) wurde sie, weil der Roman den Völkermord an den Armeniern zum Thema hat, wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt und später freigesprochen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London und Istanbul.

Preis: CHF 16.90
Sprache: Deutsch (aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller)
Art: Taschenbuch
Erschienen: 2015 (2006)
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5924-5
Masse: 464 S.

zurück