Lizzie Doron

Who the Fuck is Kafka?

Lizzie Dorons Text zu lesen, ist ein Wechselbad der Gefühle. Nachdem sich die Autorin und Nadim Abu Heni, ein arabischer Israeli aus Ost-Jerusalem, an einer Friedenskonferenz in Rom kennen und schätzen gelernt haben, wollen sie eine Ko-Produktion über ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf ihre Lebenswelten wagen. Lizzie Doron will seine Geschichten aufschreiben, er will einen Film drehen. Sie treffen sich regelmässig und scheitern ebenso regelmässig an ihren so unterschiedlichen Blicken auf den ihnen gemeinsamen Staat. Lizzie Doron wird zur Besatzerin, Nadim ist der Besetzte. Sie scheitern nicht nur am so unterschiedlichen Erleben der Realität, noch viel mehr an den jeweils anderen Traumata, auf die sie sich beziehen und an den unterschiedlichen Begriffen, die sie für die Beschreibung der Realität benützen. Während für Lizzie Doron das Trauma der Schoah die sinngebende Referenz für Israel bildet, ist für Nadim seine Familiengeschichte und deren fortschreitende Enteignung das zentrale Trauma. Es scheint nicht möglich, sich auf das jeweils andere Trauma einzulassen. Nadims Verzweiflung wird durch die Situation seiner Frau Laila, die als Palästinenserin aus Gaza auch nach 12 Jahren Ehe kein dauerndes Aufenthaltsrecht in Israel hat, noch weiter geschürt. Weder darf sie arbeiten, noch sich frei bewegen. Der gemeinsame Traum, mit ihrem Projekt die Welt auf ihre Geschichten aufmerksam zu machen und zum Zuhören zu bewegen, mildert zu Beginn die Verzweiflung. Doch mit den Monaten und Jahren wird klar, dass das gemeinsame Projekt gescheitert ist. Zu viel Unverständnis steht zwischen den beiden Welten. 

Es ist eine traurige Geschichte, die Verzweiflung über die Machtlosigkeit und das Ausgeliefertsein von ganz unterschiedlichen Logiken – Nadim muss sich gegenüber seiner Familie loyal verhalten, aber auch gegenüber den palästinensischen Aktivisten; Lizzie ist ihrer Familie verpflichtet und muss den Fragen und Zweifeln ihrer Freunde standhalten – gewinnt zunehmend an Kraft und gewinnt am Schluss. Also doch kein Frieden, sondern immer wieder Krieg. Zumindest stimmt es optimistisch, dass eine Freundschaft trotz allem möglich scheint, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Weniger optimistisch stimmt es, dass das Buch keinen Verlag in Israel gefunden hat. cn

Klappentext:

Ein Selbstmordattentäter? Ein Sprengstoffgürtel? Nein, Nadim hatte nur seine Reiseunterlagen unterm Hemd mit schwarzem Isolierband auf die Haut geklebt. – Eine Friedenskonferenz in Rom. Dort beginnt die wechselvolle Feind-Freundschaft zwischen der israelisch-jüdischen Schriftstellerin Lizzie Doron und dem palästinensisch-muslimischen Journalisten Nadim. Beide stecken voller Vorurteile, die sie immer wieder an die Grenzen der Verständigung treiben, aber sie sprechen miteinander, lernen einander kennen. Sie begreifen, dass sie dieselbe Irrenanstalt bewohnen, nur in verschiedenen Gebäuden: Lizzie hat den Holocaust im Gepäck, Nadim die Nakba – die grosse Katastrophe –, wie die Palästinenser die Folgen des 48er-Krieges nennen. Lizzie und Nadim wollten zunächst das Terrain dieses Schauplatzes gemeinsam vermessen: Warum sitzt Nadims Frau nie mit am Tische, wenn Lizzie zu Besuch kommt? Wie erträgt Nadim das Misstrauen von Lizzies Peace-Now-Freunden? Die Anfeindungen, die sein Kontakt mit einer Israelin unter den eigenen Leuten provoziert? Wieder und wieder gerät das gemeinsame Projekt ins Stocken, Nadims Leben in Gefahr ...

Lizzie Dorons Doku-Roman führt uns hautnah heran an einen unlösbar erscheinenden Konflikt – und doch scheint es manchmal, als hielten sich Verzweiflung und Hoffnung, auf eine gemeinsame Sprache, die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz, die Waage.

Über die Autorin / über den Autor:

Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv; heute lebt sie dort und in Berlin. Sie studierte Linguistik. Ihr erster Roman Ruhige Zeiten wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman-Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeanette Schocken-Preis. In ihren Büchern verwebt Doron persönliche mit fiktionaler Geschichte. Von ihrem zentralen Thema – dem Schicksal der zweiten Generation – hat Lizzie Doron sich mit diesem Buch verabschiedet.

Preis: CHF 14.50
Sprache: Deutsch (aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler)
Art: Taschenbuch
Erschienen: 2016 (2015)
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-14484-1
Masse: 257 S.

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