Azouz Begag

Mémoires au soleil

In seinem 2018 erschienenen autobiografischen Roman Mémoires au soleil geht der Autor Azouz Begag auf Spurensuche in seiner Familiengeschichte. Im Zentrum des Interesses steht die Figur des Vaters, Bouzid Begag. Wie in allen seinen Geschichten schöpft der Schriftsteller Begag nie aus der Fiktion. Was er beschreibt und wovon er berichtet, gehört zum Alltag eines in der Emigration geborenen Arbeiterkindes.

Man schreibt das Jahr 1950. Ein algerischer Landarbeiter namens Bouzid Begag erreicht Lyon. Die Jahre zuvor hatte er in Algerien, nahe der Stadt Setif, in einer von Franzosen geführten Grossfarm auf den Feldern gearbeitet. Der Landarbeiter wollte weg aus seinem kargen und armseligen Leben. Er wagte sich also übers Meer. Das letzte Stück der Reise, nun schon auf französischem Boden, erfolgte im Zug: Marseille Saint-Charles – Lyon-Perrache. Von diesem Moment an ist der Heimatort El Ouricia für den des Lesens und Schreibens unkundigen Begag nur noch Erinnerung. Lyon wird zum Ausgangs- und Endpunkt eines langen Lebens in der Emigration. Eines Tages erwacht Bouzid Begag nicht mehr aus seiner Siesta, die er sich als schon alter und vom Baustellenalltag verbrauchter Mann jeweils gönnte. Es ist Azouz, der Sohn, der seinen Vater tot auffindet, im elterlichen Schlafzimmer der bescheidenen Arbeiterwohnung. Dem ewigen Verstummen sind Jahrzehnte eines leisen und geschichtslosen Lebens vorausgegangen.

Mit dem Roman Mémoires au soleil gibt der Sohn dem Vater eine Präsenz und eine Stimme. Azouz Begag schildert die Lebensumstände algerischer Bauern in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts und beschreibt das Leben dieser Menschen im französischen Exil. In Algerien Nomaden ohne Vergangenheit und Zukunft, ohne Papiere und Identität, stecken sie in Frankreich in einer trostlosen Gegenwart fest, in Städten wie Lyon, zum Beispiel, von denen sie nur die Baracken-Siedlungen in den Aussenquartieren kennen. Azouz, der Sohn, schafft durch Ausbildung und Bildung, die er sich in französischen Schulen hart erkämpft, den Aufstieg. Als kritischer Beobachter reflektiert er über das Drama der Identitätslosigkeit und über die Folgen der Entwurzelung. Die Annäherung an seinen Vater und an seine Geschichte erfolgt überaus zärtlich. Azouz wird der liebevolle Begleiter seines an Alzheimer erkrankten Vaters. Immer wieder wird die Familie aufgeschreckt durch den verwirrten Mann, der zu unüblicher Stunde die Wohnung verlässt in Richtung Süden, wo Marseille und das Schiff warten, welches ihn zurück in die Heimat nach Algerien bringen soll. Azouz sucht ihn, eilt ihm nach. Wenn er ihn findet, gehen Vater und Sohn Hand in Hand durch die Quartierstrassen Lyons zurück nach Hause. Der letzte Fluchtversuch des Vaters endet im Café du Soleil.

Die Schilderung des Kaffeehausbesuches des alten Bouzid und die Beschreibung der Klientel zeugen von grosser Menschlichkeit. An diesem ein wenig verlotterten Ort finden die aus der Ferne gestrandeten Immigranten Lebensfreude und menschliche Wärme, auch wenn man sich dort manchmal hänselt und zankt. Die ewigen Bewohner möblierter Zimmer treffen sich dort immer wieder zu Trank, Spiel und Geselligkeit. Alle haben sie ein schweres Schicksal mit Entbehrungen und Enttäuschungen zu verkraften. Auch Bouzid Begag verkehrt in dieser Welt, die er versteht und wo man ihn kennt. Der Autor schildert diesen Ort und seine Menschen realistisch und würzt dabei seine Beschreibungen mit Witz und Ironie. Das Café du Soleil ist eigentlich ein abgetakeltes, dunkles Lokal. Der Tag, an dem Azouz Begag auf die letzte Suche seines Vaters geht, könnte nicht regnerischer sein. Im Café du Soleil jedoch ist die Stimmung angenehm. Der Besitzer, Amor Plastic, und die Klientel kümmern sich um den verwirrten Freund.

Azouz Begag schreibt gegen das Vergessen an. Es ist eine Herzensangelegenheit des Autors, nicht nur seinem Vater eine Identität und eine Geschichte zu geben, sondern einer ganzen Generation von algerischen Entwurzelten, die im letzten Jahrhundert für Frankreich Arbeit leisteten und sogar in französischen Kriegen kämpften. Verblüfft erfährt Azouz Begag bei Recherchen im Internet, dass sein Grossvater 1917 an den Folgen seines Soldatenalltags im ersten Weltkrieg in einem Hospiz in der Stadt Villeurbanne gestorben war. Mémoires au soleil holt die Menschen, die Frankreich vergessen hatte, ans Licht und gibt ihnen ihre Würde zurück. Angela Willimann

Klappentext:

Le vieux s'est échappé, une fois de plus. Il marche au bord de l'autoroute, hagard et obstiné, prétendant arriver à Marseille et de là prendre le bateau pour rentrer dans son pays. Mais si ses fugues à répétition mettent la famille en émoi – son fils surtout, Azouz, que se sent vaguement coupable de les avoir provoquées –, elles se terminent en général dans un café miteux de Lyon, entre les parties de dominos, le thé à la menthe et les disputes qui entretiennent l'amitié. Bouzid Begag, ancien travailleur du bâtiment, n'a plus toute sa tête. Il a contracté la maladie d'Ali Zaïmeur, disent ses copains du Café du Soleil. Une maladie qui mange les souvenirs des gens – "déjà qu'on n'en avait pas beaucoup".

En hommage à un père déclinant, Azouz Begag a composé le plus vibrant et le plus mélancolique des chants d'amour, dévoilant avec émotion un nouveau pan de cette vérité intime qu'il avait commencé à nous révéler dans Le gone du Chaâba.

Über die Autorin / über den Autor:

Azouz Begag, écrivain né à Lyon, chercheur en sociologie urbaine au CNRS, a été ministre de la Promotion de l'égalité des chances de 2005 à 2007. Il est l'auteur d'une cinquantaine de romans et d'essais, parmi lesquels Le Gone du Chaâba (1986), Un mouton dans la baignoire (2007), La Voix de son maître (2017) et La Faute aux Autres (2017).

Preis: CHF 29.90
Sprache: Französisch
Art: Broschiertes Buch
Erschienen: 2018
Verlag: Seuil
ISBN: 978-2-02-139200-5
Masse: 185 S.

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