Jaume Cabré

Eine bessere Zeit

Das beginnt ja heiter: Miquel Gensana wird von einer Arbeitskollegin in ein trendiges, erst vor kurzem eröffnetes Lokal ausserhalb von Barcelona eingeladen. Das Landhaus mit dem Erdbeerbaum am Eingang entpuppt sich als sein ehemaliges Elternhaus! Da er sich zeitlebens für seine grossbürgerliche Herkunft geschämt hat, klärt er die ihm ahnungslos gegenüber sitzende Júlia nicht auf. Diese möchte ohnehin vor allem eines erfahren: nämlich die genaueren Todesumstände von Bolós, Miquels Freund seit Kindertagen, aber auch Júlias Geliebter, was wiederum Miquel (noch) nicht weiss. 

Geheimnisse, Versteckspiel, Farcen: sie bilden die DNA dieser Familie und dieses Romans. Niemand ist, was er oder sie zu sein scheint. Um den Mord an Bolós zu erklären, muss Miquel Gensana ausholen, weit ausholen. Und so entblättert er während des zweistündigen Nachtmahls die zweihundertjährige Geschichte der Gensanas, die prallgefüllt ist mit Verrat, Verletzungen und Fluchten, bevölkert von skurrilen und schrulligen Figuren, von Dichtern, Politikern, Textilfabrikanten, Revolutionären – und schweigsamen Müttern, die ihre Interessen heimlich, aber handfest leben. Miquel erzählt nicht linear, sondern assoziativ entlang der Erinnerungsblitze, die ihm Haus und Erdbeerbaum und Garten entgegenschleudern. 

Die Verbindung zu diesem Ort hat er unterbrochen, als er als Student in Barcelona zum marxistischen Revolutionär mutiert. Wir schreiben die sechziger Jahre, Miquel heisst jetzt Genosse Simó und taucht in den Untergrund ab, um gegen den Diktator zu kämpfen (der allerdings später im Bett stirbt, ganz ohne revolutionäre Nachhilfe). Er wird  gejagt vom Geheimdienst und geplagt von Parteikadern, die ihm einen mörderischen Befehl erteilen, der ihn den Rest seines Lebens zeichnen und verfolgen wird. Nach acht Jahren antifranquistischem Kampf (von dem man als Leserin aber wenig Konkretes erfährt) gelingt es ihm in der Nach-Franco-Zeit als Reporter einer Zeitschrift im zivilen Leben Fuss zu fassen. Noch mehr als die Revolution und die transición beschäftigt Miquel aber eigentlich sein Liebesleben, die verkorksten Bettgeschichten, die Sehnsucht nach Unstillbarem und die Sexualität. Miquel erweist sich diesbezüglich als ebenbürtiges Mitglied der Familie Gensana, die manch einen Gehörnten, Eidbrüchigen und Herzleidenden unter den Ihren zählt.

Das Buch ist 1996 auf Katalanisch (L'ombra de l'eunuc) erschienen, liegt aber erst jetzt auf Deutsch vor. Bereits hier ist angelegt, was Cabré in seinen späteren Büchern Die Stimmen des Flusses und Das Schweigen des Sammlers zur Meisterschaft entwickelt: der stete Wechsel von Erzählperspektiven, Orten und Handlungen, das Kippen der Ich-Form in die dritte Person im selben Satz, das Drehen von Lügen zu Wahrheiten zu Lügen, die am Ende sogar realer werden als die Wirklichkeit. 

Der zweite Teil des Buches ist "Dem Andenken eines Engels" gewidmet. So heisst das 1935 von Alban Berg komponierte Violinkonzert, das er kurz nach dem Tod der 18 Jahre alten Manon Gropius, Tochter von Alma Mahler-Werfel, komponiert hat. Jaume Cabré lässt seinen Protagonisten zum Schluss noch einmal eine grosse, unglückliche Liebe erleben, und zwar zu einer Geigerin. Und da es der Autor mit diesem Zitat selber darauf angelegt hat, ist man zu vergleichen versucht: Bergs kurzes, knapp halbstündiges Werk steckt voller eruptiver, atemberaubend inniger Traurigkeit. Cabrés Roman schafft diese Intensität nicht. Wohl auch, weil er vieles hineingepackt hat: spanische Geschichte, Sozial-, Kriminalgeschichten, Amouren und als Schlussbouquet eben die Liebe zur Musik und Musikerin. Wenn auch nicht allzu tiefschürfend: unterhaltend ist dieser Rundumschlag allemal. Maya Doetzkies

Klappentext:

Als Miquel den Bruch mit seiner Familie herbeiführt, ist er keine zwanzig Jahre alt. Zusammen mit seinem Jugendfreund beginnt er ein Studium der Literatur an der Universität in Barcelona. Doch schon bald zieht es die beiden aus Faszination für eine Frau in den antifranquistischen Untergrund und sie laden eine Schuld auf sich, die nie mehr vergeht. Als Franco stirbt und Spanien sich verwandelt, muss Miquel nach und nach zurückfinden. Zu einem Leben ohne Idealismus, zu seiner Familie und dem erdrückenden Gewicht ihrer zweihundertjährigen Geschichte ...

Eine bessere Zeit erzählt vom Aufbegehren gegen die eigene Familie. Es ist ein Roman über die zwiespältige Kraft der Traditionen, über den Glauben an das Schöne angesichts der verlorenen Zeit – sprachgewaltig orchestriert von Jaume Cabré.

Über die Autorin / über den Autor:

Jaume Cabré, geboren 1947 in Barcelona, ist einer der angesehensten katalanischen Autoren. Neben Romanen, Erzählungen und Essays hat er auch fürs Theater geschrieben und Drehbücher verfasst. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem spanischen Kritikerpreis und dem französischen Prix Méditerranée, und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Eine bessere Zeit erschien 1996 erstmals in Katalonien.

Preis: CHF 33.90
Sprache: Deutsch (aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann)
Art: Gebundenes Buch
Erschienen: 2018 (1996)
Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-17739-5
Masse: 555 S.

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